01.08.2012

Praxis in den USA

„Es ist eine hoffnungsvolle Zeit, um Männer für Kindertageseinrichtungen und Schulen zu gewinnen. Ich bin einmal quer durch die Welt gereist und habe Vorträge über Männer in Kindertageseinrichtungen und Schulen gehalten, von Kolumbien, Südamerika bis Neuseeland und habe wundervolle Männer und Frauen getroffen, die in den Bereichen der Erziehung, Bildung und Sorgetätigkeit Veränderungen angestoßen haben", so Bryan G. Nelson von der Metropolitan State University of Minnesota, USA.

Foto: Privat.

Herr Nelson, wie sieht die Situation männlicher Erzieher in den USA aus?

„Es war die beste und die schlimmste Zeit ...” so beginnt der Roman Eine Geschichte aus zwei Städten des Autors Charles Dickens (1812 – 1870). Das gleiche könnte man auch über die aktuelle Situation von männlichen Erziehern und Lehrern in den USA sagen. Die beste Zeit deshalb, weil es so viele Ausbildungsprogramme für Männer gibt, die es ihnen ermöglichen, Erzieher und Lehrer zu werden, wie nie zuvor. Es gibt auch mehr DVDs, Bücher und Fachzeitschriftenartikel zum Thema und Studierende schreiben ihre Dissertation über männliche Erzieher und Lehrer. Es gibt in der lokalen und überregionalen Medienberichterstattung zunehmend mehr Artikel und Erzählungen über Männer, die eine Arbeit mit Kindern gewählt haben (siehe www.MenTeach.org).

Es braucht etwas Hintergrundwissen, um sich ein besseres Bild von den Veränderungen, die sich in den USA vollziehen, machen zu können. Vom 19ten Jahrhundert bis in die 1960er hinein, verringerte sich die Anzahl der männlichen Lehrer in den Klassenräumen beständig.

In dieser Zeit, während einigen besonderen historischen Phasen, erlebten wir eine signifikante Steigerung der Anzahl männlicher Lehrer. Die erste Phase war in der Zeit der großen Depression in den 1930ern und die zweite Phase begann nach dem zweiten Weltkrieg in den 1940ern, als zurückkehrende US-Soldaten im Rahmen des so genannten GI Bill (Soldaten-Gesetz) Umschulungsprogramme finanziert bekamen. Eine weitere Phase begann in den 1960ern als das nationale Elementarbildungsprogramm Head Start mehr Menschen beschäftigte. In dieser historischen Phase wählten auch Männer alternative Sozialdienste und nicht den Militärdienst, um nicht in den Vietnamkrieg ziehen zu müssen. Der Anteil männlicher Lehrer stieg auf 34,3% im Jahr 1971. Es ist wichtig zu betonen, dass es in den 1930ern den niedrigsten Anteil männlicher Lehrer in der Elementar- und Sekundarstufe gab. Der Anteil männlicher Lehrer lag zu dieser Zeit bei 14,1%. Aktuelle verfügbare Daten zeigen, dass der Anteil männlicher Erzieher, die in Einrichtungen für Kinder bis 5 Jahren arbeiten, im Zeitraum von 2008 bis 2011 von 4,4% auf 5,5% stieg. Der Anteil männlicher Lehrer, die mit Kindern in Grund- und Mittelschulen (Kinder im Alter von 6 bis 12/13 Jahren) arbeiten ist von 17% im Jahr 2002 auf 19,1%  im Jahr 2007 gestiegen. Wir haben außerdem gehört, dass einige Ausbildungsprogramme für Lehrer/innen einen Anstieg männlicher Auszubildenden zu verzeichnen haben.

Weiterhin steigt die Anzahl alternativer (zertifizierter) Ausbildungsprogramme (von 50 Staaten haben 45 Staaten ein solches Programm). Berichte zeigen, dass eine größere Anzahl von Männern einen Erzieher-/Lehrerabschluss im Rahmen dieser alternativen Ausbildungsprogramme macht als im Rahmen von universitären Berufsabschlüssen. Laut einem Bericht des us-amerikanischen Bildungsministeriums sind von den Studierenden, die sich in einen Erzieher/innen- bzw. Lehrer/innenstudiengang eingeschrieben haben nur 24% männlich, während im Rahmen alternativer, nicht-universitärer Ausbildungsprogramme der Anteil männlicher Auszubildender bei 34% liegt. Wir haben es aktuell zudem mit zwei parallel laufenden sozial-ökonomischen Entwicklungen zu tun: Wir befinden uns zum einen in einer starken wirtschaftlichen Rezession und ähnlich wie zu Zeiten der großen Depression sind Männer heutzutage eher bereit eine Arbeit in einem von Frauen dominierten Beruf zu ergreifen. Zweitens wurde ein weiteres „Soldaten-Gesetz“ verabschiedet, das dazu führt, dass Militärveteranen Geld zur Verfügung gestellt bekommen, damit sie an einem College oder einer Universität studieren können. Da US-Truppen die Kriegsschauplätze im Irak und Afghanistan verlassen, wird es wahrscheinlich (mehr) Männer geben, die eine Arbeit als Lehrer oder Erzieher suchen, eine Arbeit, die Hoffnung spenden kann.

Es ist in der Tat die beste Zeit für Männer um Erzieher oder Lehrer zu werden.

http://nces.ed.gov/surveys/sass/

www.menteach.org/resources/data_about_men_teachers

www.menteach.org/node/1835
 

Sie setzen sich seit vielen Jahren dafür ein, dass männliche Erzieher in Kitas und Grundschullehrer in Grundschulen akzeptiert werden. Warum engagieren Sie sich für (mehr) Erzieher bzw. Grundschullehrer?

Ich kann über die Forschung, die wir bei MenTeach gemacht und die Daten, die wir gesammelt haben, schreiben. Aber lassen Sie mich Ihnen eine einfache Frage stellen:

Was wollen wir für unsere Kinder?

Wir wollen sicherlich die modernsten, saubersten und sichersten Gebäude für sie. Wir wollen ebenso, dass die Kinder die beste Ausstattung und die besten technischen Geräte, die besten Bücher und Materialien nutzen können. Und natürlich wollen wir auch, dass die qualifiziertesten Erzieher/innen und Lehrer/innen für unsere Kinder sorgen. Letztendlich wollen wir Lehrer/innen und Erzieher/innen, die die Communities, in denen sie arbeiten, repräsentieren und verstehen. Wie Sie sicherlich bemerkt haben, besteht die Welt zur Hälfte aus Frauen und Männern. Diese Realität spiegelt sich aber bisher wahrlich nicht in unseren Kindertageseinrichtungen und Klassenzimmern wieder. Wir können darüber sprechen, dass wir mehr Männer in Kindertageseinrichtungen und Schulen brauchen, weil Kinder positive Vorbilder brauchen. Ja, die brauchen sie. Und wir können über Alleinerziehende sprechen, es gibt viele von ihnen. Aber was wir wirklich in Betracht ziehen sollten, ist, dass Kinder am meisten über Beobachtung lernen.

Welche Botschaft vermitteln wir Kindern, wenn so wenige Männer sie betreuen, mit ihnen lernen und sie versorgen. Vermitteln wir ihnen damit nicht, dass ein Klassenraum oder eine Kindertageseinrichtung kein Platz für Männer ist? Kinder werden anfangen zu glauben, dass Erziehung und Bildung nicht so bedeutsam sind, da Männer damit keine Zeit verbringen. Und Kinder werden die Arbeit, die Frauen machen, unterbewerten, weil die Mehrheit der Erzieher/innen und Lehrer/innen Frauen sind. Glücklicherweise ist es einfach zu verstehen, wie wichtig männliche Erzieher und Lehrer sind. Wenn du ein Mann bist und du betrittst irgendeinen Grundschulklassenraum, sind die Kinder sehr an dir interessiert und wollen begeistert wissen, wer du bist. Sie fragen dich beispielsweise, „wessen Vater bist du?“ oder „warum hast du einen Bart?” Sie sind neugierig und wollen mehr über dich wissen. Diese Neugier entsteht teilweise darüber, dass es so wenige männliche Lehrer in Grundschulen gibt. Die Neugier entsteht aber auch deshalb, weil Kinder die Eigenschaften, die Männer in den Klassenraum einbringen, erleben möchten.

Letztlich ist es für Männer und die Gesellschaft gleichermaßen wichtig, dass es mehr männliche Erzieher und Lehrer gibt. Wir wissen aus der Neurowissenschaft, dass schon junge Kinder so viel lernen und dass es auch für die Männer selbst große Auswirkungen hat, wenn sie Zeit mit Kindern verbringen, sie unterrichten und für sie sorgen. Kinder lernen so viel während diesen jungen Jahren und als Erzieher oder Lehrer kannst du so einen positiven Einfluss auf die Welt nehmen.

Davison, K.G. and Nelson, B.G. (2011). Men and Teaching: Good Intentions and Productive Tensions. Journal of Men’s Studies, 19(2), 91-96.

Shonkoff, J. P. & Phillips, D, (2000). From Neurons to Neighborhoods: The Science of Early Childhood Development. Washington, DC. National Academies Press.

Ihre Organisation MenTeach berichtet in ihren Newslettern über aktuelle internationale Entwicklungen im Bereich „Männer in der Elementarpädagogik“. Können Sie uns Beispiele von vielversprechenden und innovativen Projekten zur Erhöhung des Männeranteils in Kitas bzw. in Grundschulen nennen?

Es ist eine hoffnungsvolle Zeit für unsere Arbeit, Männer für Kindertageseinrichtungen und Schulen zu gewinnen und sie im Beruf zu halten. Ich bin einmal quer durch die Welt gereist und habe Vorträge über Männer in Kindertageseinrichtungen und Schulen gehalten, von Kolumbien, Südamerika bis Neuseeland und habe wundervolle Männer und Frauen getroffen, die in den Bereichen der Erziehung, Bildung und Sorgetätigkeit Veränderungen angestoßen haben.

Nun haben wir die internationale Konferenz in Berlin, die eine Möglichkeit bietet, Menschen und Projekte zu vernetzen. Ich werde im Folgenden nur ein paar Projekte erwähnen, die ich vielversprechend und innovativ finde und mit denen ich in den USA zu tun hatte – es gibt viele mehr. Ich schätze andere Interviewte werden weitere Projekte aus anderen Ländern vorstellen.

CALL ME MISTER

Das erste Projekt, das ich vorstellen möchte, ist ein Projekt, das das Ziel hat, männliche Afro-Amerikaner für die Arbeit als Grundschullehrer zu gewinnen. Das Projekt CALL ME MISTER, dass im Jahr 2000 startete, hat das Akronym „Mentors Instructing Students Toward Effective Role Models”. Sein Ziel ist es, die Diversität des Lehrerkollegiums in Grundschulen, die schlechte Bewertungen aufweisen, zu erhöhen. Das MISTER-Projekt  ist ein Projekt der Clemson Universität und nutzt die Ressourcen eines Zusammenschlusses traditionell von Schwarzen dominierter Colleges. Aufgrund der Antidiskriminierungsgesetze kann sich jeder und jede um Aufnahme in dieses Projekt bewerben, das Hauptaugenmerk richtet sich jedoch darauf, afro-amerikanische Männer für die Arbeit als Grundschullehrer zu gewinnen. Es gibt ja schon wenige männliche Grundschullehrer und innerhalb dieser Gruppe ist die Anzahl nicht-weißer männlicher Grundschullehrer (im Original: men of color) verschwindend gering.

Ich hatte die Gelegenheit die Gründer und Evaluatoren dieses Projekts und das Projekt selber kennen zu lernen. Neben der traditionellen pädagogischen Ausbildung, stellt das Projekt drei Schlüsselressourcen zur Verfügung:

  1. Unterstützung beim Schulgeld indem das Bundesprogramm „Loan Forgiveness“ in Anspruch genommen wird, dass Studierenden ihre Darlehen erlässt, je länger sie in Schulen arbeiten, in denen sie nicht viel verdienen.
  2. Ein akademisches Unterstützungssystem für die Auszubildenden 
  3. Regelmäßige, angeleitete Treffen für die Auszubildenden

Das Projekt CALL ME MISTER ist so erfolgreich, dass es auch in anderen Regionen der USA implementiert wurde.

www.clemson.edu/hehd/departments/education/research/callmemister/

Breakthrough Collaborative

Die zweite innovative und erfolgreiche Initiative ist das Projekt Breakthrough Collaborative, das 1978 ins Leben gerufen wurde. Ich habe im Rahmen dieses Projekts gearbeitet, in dem ich dabei geholfen habe, die Studenten-Lehrer auszuwählen. Ich fand es sehr spannend und effektiv junge Männer darin zu unterstützen Lehrer zu werden.

Die Idee des Projekts ist es, dass Studierende anderen Schüler/innen etwas beibringen. Talentierte motivierte junge Lehrer/innen unterrichten vielversprechende Schüler/innen aus der Mittelschule im Rahmen einer Sommerakademie, damit diese an einem College aufgenommen werden. In anderen Worten: Junge Männer und Frauen werden dafür bezahlt, dass sie in einem Sommerakademiecamp Schüler/innen anhand eines anspruchsvollen Lehrplans unterrichten, inspirieren und motivieren damit diese Schüler/innen im Alter von 11 bis 14 Jahren auf den Weg gebracht werden, das College besuchen zu können. Während der Schulzeit werden den Schüler/innen einmal im Monat an einem Samstag zusätzlich Lerneinheiten angeboten.
An dieser Stelle einige Daten über das Projekt:

  • Es gibt insgesamt 33 Standorte überall in den USA und Honkong, in denen das Projekt Breakthrough collaborative durchgeführt wird.
  • Jährlich nehmen 700 Studenten-Lehrer/innen und 5,400 Schüler/innen am Projekt teil
  • In seiner 33-jährigen Geschichte hat das Projekt mehr als 20,000 Schüler/innen geholfen, sich auf das College vorzubereiten.

www.breakthroughcollaborative.org/

Wir brauchen Projekte speziell für Männer UND gleichzeitig müssen die besonderen Bedürfnisse von Männern im Mainstream verankert werden.