30.08.2017

Mehr Männer in Kitas bleibt Thema.

Trotz erheblicher Fortschritte in den letzten Jahren, finden noch immer zu wenig Männer den Weg in den Beruf des Erziehers. Dies belegt das Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2017. Auch die Wissenschaft ist gefragt, ihre Forschungen im Bereich Genderthemen in Aus- und Weiterbildung auszudehnen.

Foto: Tim Deussen. Copyright: Koordinationsstelle "Chance Quereinstieg/Männer in Kitas".

In den ersten Lebensjahren wird der Grundstein für erfolgreiches Lernen gelegt und somit für eine gleichberechtigte Teilhabe an Gesellschaft und Erwerbsleben. Der Kita-Besuch ist heute integraler Bestandteil der Bildungsbiografie von Kindern: 95% der Kinder zwischen drei und sechs Jahren besuchen eine Kindertageseinrichtung. „Umso wichtiger ist es, dass wir den Kindern gute Bildungs- und Betreuungsmöglichkeiten anbieten. Die zentrale Rolle spielen dabei die frühpädagogischen Fachkräfte, die die Bildungsprozesse der Kinder anregen, unterstützen und begleiten“, schreibt Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung in ihrem Vorwort zum Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2017, das eine umfassende Bestandsaufnahme zum Personal in der Kindertagesbetreuung in Ausbildung und Beruf abbildet. Grundlage sind vor allem Daten der amtlichen Statistik, die in Zeitreihen deutschlandweit und zum Teil in Ländervergleichen aufbereitet wurden.   Es ist ein Projekt der „Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte“ (WiFF),  die 2009 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), der Robert Bosch Stiftung und dem Deutschen Jugendinstitut gestartet wurde. Sie setzt sich dafür ein, die Elementarpädagogik zu stärken und die Qualität der pädagogischen Arbeit zu verbessern.

Männeranteil in Kitas

Mit rund 571.000 pädagogisch tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einschließlich Leitungen, in Kindertageseinrichtungen bildet die Frühe Bildung inzwischen einen großen Teilarbeitsmarkt, der deutlich größer ist als die Grundschule mit rund 223.400 Lehrkräften im Schuljahr 2015/16. Prägend ist hier der Beruf der Erzieherin und des Erziehers mit 385.000 Fachkräften im Jahr 2016. Der Männeranteil an den Kita-Beschäftigten stieg zwischen 2006 und 2016 von 3,1 auf 5,4 Prozent. „Mit einer Frauenquote von fast 95 Prozent muss die Frühe Bildung im Vergleich zum gesamten Arbeitsmarkt unter die am stärksten segregierten Frauenberufe eingereiht werden“, heißt es im Report. Ähnliches gilt auch für die Gesundheitsberufe in der Kranken- und Altenpflege mit Frauenanteilen von 86 bzw. 83 Prozent. Auch die Lehrkräfte in der Primarstufe haben mit 91 Prozent einen vergleichbar hohen Frauenanteil wie in der Frühen Bildung.

Besonders die unter 30-Jährigen ergreifen den Beruf des Erziehers. Zwischen 2006 und 2016 stieg ihr Anteil von knapp fünf auf neun Prozent,   im Osten sogar auf 12,5 Prozent. Damit machen die unter 30-Jährigen fast die Hälfte der insgesamt 31.000 Männer aus, die in Kitas arbeiten. Ein möglicher Grund dafür, dass im Osten mehr Männer Erzieher werden, könnte darauf zurückzuführen sein, dass der Hort   in Ostdeutschland traditionell einen höheren Stellenwert genießt. Das junge Alter könnte auch der Grund sein, warum Männer in der Kita seltener Leitungsaufgaben übernehmen als Frauen. Ihr Anteil an Leitungen beträgt 4,9 Prozent.

Männer arbeiten häufiger in Einrichtungen mit älteren Kindern, in den Krippen lag der Männeranteil im Jahr 2016 bundesweit nur bei 3,2 Prozent, während er in den Horten fast 15 Prozent betrug. Je jünger die Kinder sind, die in der Einrichtung betreut werden, desto niedriger fällt der Männeranteil aus – und umgekehrt.

Personalgewinnung

Männer arbeiten besonders häufig in Kindertageseinrichtungen gemeinnütziger Träger und des Paritätischen Wohlfahrtsverbands (Anteil von zehn bzw. acht Prozent), nur drei Prozent von ihnen arbeiten in katholischen Einrichtungen. Die Gründe für die variierenden Männeranteile könnten sowohl aufseiten der Bewerbenden selbst als auch beim unterschiedlichen Engagement der Träger hinsichtlich der gezielten Anwerbung von Männern zu suchen sein. Michael Cremers, Jens Krabel und Marc Calmbach, die zu Männer in Kitas forschen, ermittelten, dass bei den befragten Trägerverantwortlichen zwischen dem allgemein als hoch bewerteten Stellenwert des Themas Männer in Kitas und der erfragten konkreten Umsetzung in den Organisations- und Kita-Alltag eine große Lücke klafft, die – bei begrenztem Zeit- und Ressourcenbudget – auf den Vorrang anderer (Bildungs-)Themen und Herausforderungen zurückzuführen ist. Darüber hinaus signalisiert die Studie, dass es für Kindertageseinrichtungen einfacher ist, Männer zu gewinnen wenn dort bereits anderes männliches Personal tätig ist, denn männliche Fachkräfte bevorzugen auch von sich aus Kindertageseinrichtungen, in denen sie nicht allein unter Frauen arbeiten.

Ausbildung

Deutlich mehr Frauen als Männer machen ihre Ausbildung zur Erzieherin / zum Erzieher an einer Fachschule für Sozialpädagogik. 83 Prozent der knapp 36.000 Anfängerinnen und Anfänger im Schuljahr 2014/15 waren Schülerinnen, rund 17 Prozent waren Schüler. Zum Vergleich: Der Anteil männlicher Studierender im Erstsemester in der Sozialen Arbeit liegt bei 22 Prozent, in der Erziehungswissenschaft bei 19 Prozent, in den früh- bzw. kindheitspädagogischen Studiengängen jedoch nur bei elf Prozent. Gerade mit der Einführung der früh- bzw. kindheitspädagogischen Studiengänge gegen Mitte des letzten Jahrzehnts war die Hoffnung verbunden, den Männeranteil sowohl im Studium als auch in den Kindertageseinrichtungen zu erhöhen. Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Doch aufgrund des vergleichsweise hohen und steigenden Männeranteils in der Ausbildung ist damit zu rechnen, dass künftig mehr männliche Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen arbeiten werden. Spannend bleibt die Frage, ob es durch neue Organisationsformen – wie etwa die praxisintegrierende Erzieherinnen- und Erzieherausbildung – gelingen kann, mehr Männer für die Ausbildung zu interessieren. Neben der traditionellen Teilzeitausbildung und der Externenprüfung bilden die verschiedenen neueren Modelle des Quereinstiegs, die sich explizit an Berufswechslerinnen und -wechsler mit langjährigen Berufserfahrungen richten, eine Möglichkeit, in verstärktem Umfang auch Männer aus nichtpädagogischen Berufen für eine Tätigkeit in Kindertageseinrichtungen zu gewinnen.

Resümee

Insgesamt wird der Aspekt, dass Männer in Kindertageseinrichtungen arbeiten, positiv bewertet. Einerseits bieten gemischte Teams durch heterogene Lernangebote Mädchen und Jungen ein angereichertes Bildungsumfeld, andererseits bekommen männliche und weibliche Fachkräfte gleichermaßen die Chance, herkömmliche Geschlechterbilder und tradiertes Rollenverhalten zu erweitern sowie eigene Handlungsgrenzen zu überschreiten und so einen Raum zu schaffen, in dem Mädchen und Jungen Gendervielfalt erleben können. Leider ist das Fundament empirischen Wissens nach wie vor sehr schmal, obgleich die Anzahl der Studien zugenommen hat, die sich mit den Genderstrukturen in Kindertageseinrichtungen im deutschsprachigen Raum auseinandersetzen.

Es ist schon viel passiert in den letzten Jahren. Mehr männliche Fachkräfte für eine Tätigkeit im Arbeitsfeld Erziehung zu gewinnen und zum Verbleib zu bewegen, bleibt jedoch auch in Zukunft eine der großen personellen Herausforderungen für die Kita-Träger, die Einrichtungsleitungen, aber auch für Ausbildung und Studium. Doch: Die Aneignung und Vermittlung von Genderkompetenz setzt gleichzeitig eine vertiefte Auseinandersetzung mit Genderthemen in Aus- und Weiterbildung voraus, die – angesichts der Forschungsdefizite – mit einer Intensivierung der Forschungsaktivitäten in der Wissenschaft verbunden sein sollte.

www.fachkraeftebarometer.de I Link zum Fachkräftebarometer

Follow-Up-Studie: "10 Jahre Männer in Kindertagesstätten" I Link zur Projektbeschreibung

Männer in Kitas I Link zu den Zahlen