06.04.2017

„Sexuelle Gewalt kann nur da entstehen wo es Tabus gibt.“

Michael Drogand-Strud im Interview über den präventiven Umgang mit pauschalen Verdächtigungen gegenüber Männern.

Michael Drogand-Strud ist Bildungsreferent und arbeitet freiberuflich zu Themen von Geschlechterfragen, geschlechtsbezogene Pädagogik sowie Jungen- und Mädchenarbeit. Zudem ist er Experte zum Thema „Männer in Kitas“. Er war Referent bei der Fachtagung Gender mit dem Schwerpunkt Generalverdacht. Im Interview spricht er über Geschlechterbilder und was diese mit dem Generalverdacht zu tun haben.

Herr Drogand-Strud, welche Erkenntnisse konnten Sie von der Fachtagung mitnehmen?

Der Tag war sehr interessant, es war eine Tagung, die an einer Fachschule stattfand, ein sogenannter Gendertag mit dem Schwerpunkt zum Generalverdacht. Die Teilnehmenden, darunter Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger der Fachschule, waren in hohem Maß interessiert an pädagogischen Inhalten, an Genderthemen und Fragen zum Generalverdacht. Ich war sehr positiv überrascht, dass eine Veranstaltung, die in einem schulischen Rahmen stattfindet, auf so hohes inhaltliches Interesse stößt. Die Themen Gender und Geschlechterfragen waren offensichtlich an der Schule gut vorbereitet worden. Das war sehr positiv, weil mein Vortrag auf bekanntes Wissen stieß und ich mit dem, was ich einbringen wollte, tatsächlich auch landen konnte. Das Thema Generalverdacht war, glaube ich, relativ neu für viele und hat viele Nachfragen und Diskussionen ausgelöst sowie eigene Erlebnisse nach vorne gebracht, die vielleicht vorher von den Teilnehmenden nicht so klar bewertet wurden. Es war ein sehr erfolgreicher Fortbildungstag.

Generalverdacht ist Thema, aber sexuelle Übergriffe in Kitas sind ja nun nicht an der Tagesordnung.

Der Generalverdacht ist ein Problem in der konkreten Arbeit. Männer haben davon berichtet, wie sie sich in der Arbeitssituation schützen, um überhaupt nicht in Verdacht zu kommen. Das Schützen bedeutet dann, dass Selbstverständlichkeiten im Umgang mit Kindern plötzlich gar nicht mehr selbstverständlich sind. Einzelne Männer haben davon berichtet, dass sie es vermeiden, bestimmte Arten von Zuwendung Kindern zu geben, damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, dass sie sich den Kindern möglicherweise in einer Art annähern, die nicht angemessen sein könnte. Andere berichten, dass es Vorsichtsmaßnahmen gab, was das Wickeln angeht. Männer halten sich da nach Möglichkeit zurück, damit sie nicht in den Verdacht kommen, dass sie etwas mit Nacktheit und Kindern zu tun haben. Das sind natürlich Elemente, die tatsächlich die Zusammenarbeit in einem Team sehr belasten können.

Das Thema Generalverdacht hat Auswirkungen auf Teamarbeit?

Auf jeden Fall, denn es ist ein Thema, das alle im Team betrifft. Das Thema Generalverdacht stößt auch auf das Klischeebild, das viele von einem Mann haben. Das Klischee, dass er sowieso bestimmte Tätigkeiten nicht gerne macht und deswegen davon ferngehalten wird. Das widerspricht aber dem, was eigentlich in Teams nötig ist, um sich gemeinsam einer Kinderbetreuung zu widmen. Und das ist genau der Punkt, wo es schwierig wird. Denn wenn Teams von Geschlechterbildern ausgehen, die sehr traditionell sind, dann sind wir ganz schnell dabei, dass die Männer in den Einrichtungen nur dafür da sind, damit endlich mal jemand mit den Jungen tobt und damit bestätigen wir Geschlechterklischees. Dazu gehört dann auch, und das ist die Gefahr, dass gefragt wird, warum da überhaupt ein Mann ist, der sich um Kinder kümmert, was für ein Motiv steht dahinter, ist das nicht völlig unmännlich?

Und an dem Punkt kommt das Thema Generalverdacht ins Spiel?

Generalverdacht ist kein einzelnes Phänomen. Es hängt damit zusammen, dass wir eine Zweigeschlechtlichkeit in unserer Gesellschaft haben, die festgeschrieben ist, mit festen Aufträgen, Rollenzuschreibungen, klaren Festschreibungen wie Männer leben und lieben – und Frauen machen das anders. In dieses Geschlechterbild passt es nicht, dass Männer sich im ganz normalen Alltag um kleine Kinder kümmern. In dieses Bild passt aber der Generalverdacht gut, denn der sagt, bei Männern muss man immer vorsichtig sein, wenn sie in Kontakt mit Kindern sind, es ist immer eine hochgefährliche Situation, da muss man aufpassen! Gibt es Umfragen zu Männern in Einrichtungen, sagen zwar viele, dass sie das gut finden, aber sie sagen auch, dass sie ein komisches Gefühl dabei haben. Denn was  wollen Männer da eigentlich? Das hat was mit unserem Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit zu tun. Und deshalb setzt der Generalverdacht grundsätzlich an Geschlechterbildern an, die bei uns in der Gesellschaft Usus sind, die vorherrschend sind und die damit aber auch ganz klare Ausschlusskriterien schaffen. Sie legen fest, was Frauen und Männer dürfen und eben nicht dürfen.

Ist das ein Grund, warum es immer noch so wenig Männer im Bereich der frühkindlichen Erziehung gibt?

Ja, das ist schon ein Haupthinderungsgrund für Männer, sich überhaupt vorzustellen, diesen Beruf ausüben zu können. Ich kenne zwar Männer, die Erzieher geworden sind, die allermeisten gehen aber in die Jugendarbeit, in Heime oder in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Die, die in die Tagesstätten gehen, gehen eher in den Hort als in die Krippe. Es ist tatsächlich so, dass der Anteil an Männern in Krippen nach meinen Beobachtungen sehr gering ausgeprägt ist und auch am wenigsten steigt.

Wie kann man den Kita-Alltag gestalten, dass Erzieher und auch Erzieherinnen einen Arbeitsplatz haben, der sie vor Vorurteilen wie beispielsweise Generalverdacht schützt?

Auf jeden Fall sollte es ein sexualpädagogisches Konzept geben – und das haben längst nicht alle Einrichtungen. Ich habe Ende der 70er-Jahre eine Berufsgruppe gegen sexuellen Missbrauch – so hieß es damals noch, heute würde man eher von sexueller Gewalt sprechen – geleitet und Seminare in Kitas und Kindergärten gegeben. Damals war es so, dass die Frage der Doktorspiele in den Einrichtungen kein Thema war, obwohl alle Erzieher/innen, die dort gearbeitet haben, Doktorspiele kannten. Es gab aber keine Absprachen, wie sie damit umgehen wollten. Als ich 30 Jahre später im Rahmen von „Männer in Kitas“ wieder in Einrichtungen war und das zum Thema gemacht habe, musste ich feststellen, dass die Diskussion gar nicht weitergegangen ist. In mehr als neun von zehn Einrichtungen, in denen ich war, gab es kein sexualpädagogisches Konzept. Es gab keinen Austausch über den Umgang mit Kindersexualität und ob Doktorspiele erlaubt sind oder nicht. Wenn es aber nach wie vor so ist, dass Sexualpädagogik und Kindersexualität keine Themen sind, die unter Fachkräften ausgetauscht werden, dann wird sexueller Gewalt Tür und Tor geöffnet, denn sexuelle Gewalt kann nur da entstehen, wo es Tabus gibt. Überall, wo es offene Konzepte gibt, wo über Sexualpädagogik gesprochen wird, wo auch über Schutzräume und Regeln im Umgang mit Kindersexualität gesprochen wird, wo Freiwilligkeit ein Thema ist oder ein „Nein“ als ein „Nein“ gilt, überall da gibt es einen sehr guten Schutz vor sexueller Gewalt.

Und was kann die Kita-Leitung tun?

In Einstellungs- und auch in Elterngesprächen muss ein Bestandteil aller pädagogischen Maßnahmen sein, dass auch über Sexualpädagogik gesprochen wird. Auch im Team muss darüber gesprochen werden. Damit keine heimlichen Taburäume entstehen können,  in denen Unausgesprochenes passiert. Das ist tatsächlich ein Bereich, wo die Kita-Leitung viel Verantwortung trägt. Mit Offenheit, Gesprächen und sexualpädagogischen Konzepten geben sie ihren Kindern den allergrößten Schutz vor sexueller Gewalt, denn kein Täter begibt sich in Räume, wo Sexualität und die Frage von Kindersexualität offen verhandelt werden. Täter suchen sich bewusst Räume, wo es viel Tabuisierung gibt. Wo keiner darüber spricht, dort können sie wirken.

Wird ein Thema nicht erst dann zum Problem, wenn man es immer als Problem benennt?

Ich bin ein Freund davon, etwas Offensichtliches zu benennen. Und Generalverdacht ist etwas Offensichtliches. Wie schon erwähnt, finden es zwar viele toll, dass immer mehr Männer in Kitas arbeiten, aber viele haben auch ein komisches Gefühl dabei. Es ist ein Thema, das da ist und deswegen muss es benannt werden. Immer dann, wenn man darauf wartet, dass es zum Thema wird, ist es eigentlich schon fast zu spät. Wenn jemand mit einem konkreten Verdacht überzogen wird, dann ist es ein schwieriges Feld, wie soll man denn nachweisen, dass man keine Hintergedanken hat, wenn man sich um Kinder kümmert? Das muss ein Thema sein, was von vorneherein im Raum ist. Wenn ein Verdacht einmal ausgesprochen ist, wird es schwierig.

Ich finde, man kann das Thema gut in den Kita-Alltag integrieren, wenn man sich von vorneherein um sexualpädagogische Konzepte kümmert und wenn man im Rahmen der Frage „Männer in Kitas“ das Thema Generalverdacht als solches mit benennt, dass man darum weiß, dass es ein Thema ist, was im Hintergrund schwelt, und dass es was mit Geschlechterbildern zu tun hat. Man muss das Thema nicht aufpumpen und groß und stark machen, sondern sagen, wir wissen davon und wir versuchen hier ein anderes Bild zu schaffen. Wir wollen, dass hier ein gleichberechtigtes Bild von Frauen und Männern herrscht. Und wenn es selbstverständlich wird, ist das Thema auch nicht mehr so überladen. Der Erfahrung nach ist es ja auch so – wenn Männer erst einmal in Einrichtungen sind, werden sie in der Regel nicht mehr so sehr als Männer wahrgenommen, sondern als Erzieher unter Erzieherinnen. Ist eine Person den Eltern erst einmal bekannt, ist das Thema Generalverdacht meist kein Thema mehr. Nur wenn man jemanden nicht kennt, herrscht da diese dubiose Angst. Generalverdacht geht nicht gegen einen einzelnen Mann, sondern gegen das ganze Geschlecht.

Wie können Männer denn unterstützt werden? Zum einen, damit sie den Beruf ergreifen, zum anderen, damit sie auch im Beruf bleiben?

Viele Punkte habe ich ja schon angesprochen. Bei allen Gruppen, die in der Minderheit sind, ist es tatsächlich notwendig, dass es einen Raum zur Selbstorganisation und Unterstützung gibt. Seit sieben Jahren begleite ich Männerarbeitskreise und merke, dass es ihnen gut tut, sich in einem Kreis von Männern auszutauschen, über das zu reden, was ihnen im Alltag so begegnet. Das ist auch schon in der Ausbildung notwendig. Es hilft nicht zu sagen, wir behandeln alle gleich und deswegen ist das bei uns kein Thema. Ja, wir behandeln alle gleich, aber wir wissen auch, dass es wenig Männer im Kita-Bereich gibt. Und deswegen sollten besondere Angebote bereit gestellt werden, wo sie die Möglichkeit haben, sich über die besondere Situation in der Einrichtung auszutauschen. Ein anderer Punkt ist Anerkennung. Das Wissen, dass es ein gesellschaftlich anerkannter Beruf ist, zählt sicherlich genauso viel und macht ihn für Männer attraktiv wie eine gute Bezahlung.

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