06.04.2017

„Wir arbeiten so offen und transparent wie möglich.“

Cornelia Postler im Interview über die Bedeutung der Elternarbeit und des Teams im Umgang mit pauschalen Verdächtigungen gegenüber männlichen Fachkräften.

Cornelia Postler ist Erzieherin und Praxisanleiterin in einem Schulkinderhaus an einer Brennpunktschule. In ihrem Team arbeiten mehr Männer als Frauen. Das Thema Generalverdacht beschäftigt sie. Dem könne man nur mit Offenheit begegnen, sagt sie im Interview.

Frau Postler, bitte stellen Sie sich und Ihre Arbeit kurz vor.

Ich bin Leiterin des Schulkinderhauses der Grund- und Gemeinschaftsschule Baltic im Stadtteil Bunte Kuh, einem sozialen Brennpunkt der Stadt Lübeck. Wir betreuen am Nachmittag 120 Kinder in sechs Gruppen von der 1. bis zur 4. Klasse. Ich bin staatlich anerkannte Erzieherin, Kunstpädagogin und systemische Familienberaterin. Als Praxisanleiterin betreue ich zurzeit zwei Quereinsteigende – einen Mann und eine Frau.

Sie waren auf der Fachtagung Gender mit dem Schwerpunkt Generalverdacht in Mölln. Gab es einen konkreten Anlass?

Zum einen haben wir daran teilgenommen, weil wir eine Kooperation mit der Fachschule in Mölln haben und es ein Teil unserer Zusammenarbeit ist, immer in Kontakt mit der Fachschule zu sein, die die angehenden Erzieher/innen betreut. Ich finde es unbedingt nötig, dass der Transfer zwischen dem theoretischen Teil, der in der Schule stattfindet, um den Bezug zu der Praxis herzustellen. Gerade weil wir im sozialen Brennpunkt arbeiten, ist es umso wichtiger, sich gut aufzustellen und als Team am Zahn der Zeit mitzuwirken und mitzuarbeiten.

Zum anderen ist Generalverdacht bei uns immer wieder ein Thema. In unserem Team arbeiten zehn Männer und acht Frauen. Das ist ungewöhnlich für unseren Arbeitsbereich, aber es ist tatsächlich so. Wir sind an einer Schule, an der wir bis zur 10. Klasse Integration anbieten, da haben wir es mit Heranwachsenden zu tun. Fast alle pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind auch im Unterricht als Integrationshelfer/innen, teils auch in einer Eins-zu-Eins-Kombination tätig. Das war für uns Grund genug, uns auf der Fachtagung mit dem Thema Generalverdacht intensiv auseinanderzusetzen. Was wir aber auch schon im Berufsalltag tun.

Warum ist das für Sie Thema und wie setzen Sie sich damit auseinander?

Im Grundschulbereich ist das etwas besonderes, wenn dort Männer arbeiten, denn das Lehrer/innen-Kollegium besteht zu 99 Prozent aus Frauen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Wir thematisieren innerhalb unseres Teams, dass wir mit dem Thema Sexualpädagogik sensibel umgehen. Fragen sind: Wie eng darf der Kontakt sein, was passiert, wenn ein Elternteil hierher kommt, ein Mädchen hat geweint und mein Mitarbeiter tröstet sie gerade? Und Vater oder Mutter kommt dann auf den Mitarbeiter zu und fragt ihn, was er da macht? Mit solch einer Situation offen und transparent umzugehen, ist das A und O unserer Arbeit.

Also ist Elternarbeit besonders wichtig?

Ja, wir sind immer im Kontakt mit den Eltern. Wir haben ihnen, um beim Beispiel der eben geschilderten Situation zu bleiben, ganz klar zu verstehen gegeben, dass es Situationen gibt, in denen wir die Kinder trösten und dass es dabei auch zum Körperkontakt kommen kann. Beim Trösten kann es auch darum gehen, das Kind zu umarmen. Solche Situationen müssen wir immer wieder kommunizieren. Wir haben es mit Heranwachsenden zu tun, teilweise mit Klassenwiederholerinnen und -wiederholern. So haben wir immer wieder Situationen, dass beispielsweise die Mädchen in der 4. Klasse schon in der Pubertät sind, wo es auch darum geht, die eigene Sexualität zu entwickeln, die erste Menstruation findet statt und es kann sein, dass sie sich in einen Erzieher oder Lehrer verlieben.

Wie gehen Sie damit um?

Dazu müssen wir eine klare Haltung einnehmen und eine Grenze ziehen. Es gibt Männer in meinem Team, die sich im körperlichen Kontakt zu Mädchen bewusst zurücknehmen, weil sie Angst davor haben, dass sie in Situationen kommen könnten, einem Verdacht ausgeliefert zu sein. Da müssen wir uns fragen, wie wir als Team damit umgehen wollen. Es hilft, das Thema offen zu machen. Ich sage meinen Mitarbeiter/innen immer, redet darüber, kommt mit den Eltern ins Gespräch, äußert eure Befürchtungen. Wir müssen mit diesen Verdachtsmomenten offen umgehen, wenn wir daraus ein Geheimnis machen, kann es zu Missverständnissen kommen. Zudem haben wir ein Mitarbeiterhandbuch und wir haben eine Konzeption, die für alle Eltern einsehbar ist, da sind alle wichtigen Eckpunkte drin und es gibt ein Beschwerdemanagement. Wir arbeiten so offen und transparent wie möglich.

Die männlichen Erzieher in Ihrem Team haben ja nun schon Erfahrung damit gemacht, in Situationen zu kommen, die Eltern falsch interpretieren oder nicht für gut heißen. Quereinsteiger ohne pädagogische Vorerfahrungen können auf solche Erfahrungswerte ja nicht zurückgreifen. Wie werden sie in der Praxis angeleitet, mit solchen Situationen umzugehen?

Wir sprechen offen an, dass es das Thema Generalverdacht gibt. Der Quereinsteiger, der bei uns arbeitet, war auch auf der Fachtagung in Mölln dabei. Anschließend haben wir uns nochmal zusammengesetzt und haben grundsätzliche Umgangsweisen besprochen. Wir haben über die Haltung gesprochen, die der Träger Kinderwege einnimmt, die Haltung, die ich als Leitung dazu einnehme, und wir haben thematisiert, dass der Generalverdacht ein Thema ist, das immer wieder im öffentlichen Fokus steht. Wir werden das Thema Gender und Generalverdacht als festen Punkt für den nächsten Teamentwicklungstag auf die Agenda setzen, wo wir uns positionieren wollen und Leitsätze für alle Mitarbeitenden auf den Weg bringen.

Was kann die Kita-Leitung dazu beitragen, einen vorurteilsbewussten Arbeitsplatz zu schaffen?

Offenheit und Transparenz sind die Grundpfeiler dessen, was wir hier leben und wie wir arbeiten. Auch ein starkes Team ist wichtig. Ein wesentlicher Punkt ist, dass innerhalb des Teams aufmerksam geguckt wird, wenn uns ein Verhalten auffällt, bei dem wir den Eindruck haben, das könnte eine missverständliche Außenwirkung haben – egal ob wir das Verhalten bei einem Mann oder eine Frau feststellen. Es kann beispielsweise zu missverständlichen Situationen kommen, wenn Mitarbeitende von Mädchen oder Jungen beschlagnahmt werden, und sich der Erzieher oder die Erzieherin dadurch geschmeichelt fühlt und plötzlich denkt, sie oder er sei ganz wichtig für diese Gruppe. Ich erwarte in dem Fall von den Kolleginnen und Kollegen, dass sie die Person darauf aufmerksam machen oder den Mut haben, auffälliges Verhalten in die Teamsitzung zu bringen. Wir müssen mit solch sensiblen Themen sehr bewusst umgehen, und deswegen ist es wichtig, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufmerksam und offen sind. Wir müssen eine klare Haltung einnehmen und Grenzen ziehen.