30.08.2017

„Wir haben einen Männeranteil von 13,1 Prozent.“

Kathrin Janert im Interview über einen Kita-Verband, der überdurchschnittlich viele Männer in Kitas beschäftigt und das Image eines Arbeitgebers hat, bei dem Arbeitnehmer/innen unabhängig von ihrem Geschlecht willkommen sind.

Foto: privat.

Kathrin Janert ist Sozialpädagogin und Vorstand des Evangelischen Kirchenkreisverbandes für Kindertageseinrichtungen Berlin Mitte-Nord. Seit 2007 ist sie Geschäftsführerin und seit 2011 im Vorstand des Kita-Verbandes. In den 30 Kitas, die sie verwaltet, arbeiten überdurchschnittlich viele Männer. Dafür ist nicht nur die Einstellungspolitik verantwortlich.

Ihr Kita-Verband hat am vom Bundesfamilienministerium geförderten Projekt „Mehr Männer in Kitas“ teilgenommen. Mit welchen Konsequenzen?

Wir sind mit Beginn des Projektes 2010 mit acht Prozent Anteil an Männern in Kitas gestartet, was damals für bundesweite Verhältnisse schon sehr hoch war. Heute sind 13,1 Prozent von 344 pädagogischen Mitarbeitenden Männer. Als wir vor sieben Jahren mit dem Projekt angefangen haben, hatten wir 15 Kitas im Verband und 175 pädagogische Mitarbeitende. Durch die Teilnahme an dem Bundesprojekt und die Öffentlichkeitswirksamkeit konnten wir uns sehr deutlich profilieren. Heute bringt man den Kita-Verband mit einem Arbeitgeber in Verbindung, in dem Arbeitnehmer unabhängig von ihrem Geschlecht willkommen sind.

Woran liegt es, dass sie schon vor dem Start des Modellprojekts „Mehr Männer in Kitas“ eine recht hohe Anzahl an männlichen Erziehern hatten?

Weil wir immer schon offen dafür waren, Männer in Kitas zu beschäftigen und einen großen Wunsch an gemischtgeschlechtlichen Teams haben. Mit und seit dem Projekt hat sich die Anzahl an Männern verstärkt, sodass in fast allen 30 Kitas männliche Erzieher arbeiten, in manchen Kitas sogar zwei oder drei Erzieher. Zwei Kitas, in den Berliner Bezirken Prenzlauer Berg und Mitte, sind fast paritätisch besetzt.

Sie waren offen und hatten den Wunsch – aber haben Sie auch aktiv etwas getan, um Männer zu gewinnen?

Wir haben nicht explizit Männer aufgefordert, sich zu bewerben, wir haben aber in unserer Stellenanzeige glasklar die Aufforderung und Erwartung formuliert, dass die Bewerberinnen und Bewerber in gemischtgeschlechtlichen Teams arbeiten. Wir haben das Interesse an gemischtgeschlechtlichen Teams abgefragt und deutlich gemacht, dass es uns wichtig ist, dass Männer und Frauen in Teams gemeinsam arbeiten.

Nach welchen Kriterien stellen Sie Mitarbeitende ein? Bevorzugen Sie bei gleicher Qualifikation Männer?

Wir haben ja einen Fachkräftemangel, momentan bin ich froh, wenn überhaupt Bewerbungen kommen und da ist es mir egal, ob sich Männer oder Frauen bewerben. Was wir machen, besonders bei Quereinsteigenden, ist, dass wir jeden männlichen Bewerber grundsätzlich einladen. In gleicher Bewerbungssituation halten wir die Qualifizierung von Frauen vielleicht nicht für ausreichend. Männer jedoch laden wir immer ein.

Ist das nicht ungerecht?

Nein, man mag es ungerecht sehen, aber wenn wir uns auf die Fahnen schreiben, dass wir gemischtgeschlechtliche Teams haben wollen, müssen wir auch was dafür tun. Und das ist eine kleine Möglichkeit, um wirklich dafür Sorge zu tragen, dass Männer in Kitas arbeiten.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Für Kinder ist es wichtig, dass sie Männer und Frauen in ihrer Entwicklung erleben. Männer und Frauen arbeiten bei uns gleichberechtigt und übernehmen pflegerische und pädagogische Arbeiten gleichermaßen. Auch die Eltern finden es großartig, dass bei uns viele Männer arbeiten. Es gibt aber auch immer wieder mal Verunsicherungen, gerade wenn die Männer im Krippenbereich arbeiten. Aber wir laden die Eltern ein, uns alle Fragen dazu stellen zu können, und wir gehen mit ihnen ins Gespräch.

Was können Erzieherinnen und Erzieher im Arbeitsalltag tun, um die Jungen für soziale, erzieherische und pflegerische Aspekte des Lebens zu sensibilisieren?

Ich denke, gute Erfahrungen zu vermitteln, quasi Vorbilder zu sein und Kindern durch diesen ganz normalen Arbeitsalltag deutlich zu machen, dass Männer und Frauen unterschiedliche Gaben haben, die aber nicht rollenspezifisch sind. Jungen genauso wie Mädchen sollen auch mal in eine andere Rolle schlüpfen können. Da gab es ein schönes Projekt in einer Kita, die das Märchen „Dornröschen“ als Genderprojekt durchgeführt haben und die Jungen „Dornröser“ waren. Kinder sollen die Erfahrung sammeln, dass es völlig in Ordnung ist, dass Jungs mal in Frauenkleider schlüpfen und Mädchen jungentypische – bzw. das, was wir als jungentypisch betrachten – Erfahrungen machen können. Ich hoffe, dass sie so lernen, auch in der Berufswahl Grenzen zu überschreiten, dass die Mädchen Mint-Berufe erlernen wollen und die Jungen in den sozialen Bereich gehen möchten. Und das, weil sie einfach gute Erfahrungen in der Kita gemacht haben und eine tolle Kita-Zeit hatten.

Also ist die Kita-Zeit eine prägende Zeit im Leben der Kinder?

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass die Kinder, wenn sie eine tolle Kita-Zeit hatten, auch gerne wieder zurückkommen. Auch die Jungen. In ihrem Schulleben müssen sie ja in der Regel ein Verantwortungs- oder Betriebspraktikum machen. Wir erleben es immer wieder, dass Jungen explizit in ihrer Kita anfragen, um bei uns ihr dreiwöchiges Praktikum zu absolvieren. Wenn sie dann die Erfahrung machen, dass sie gebraucht werden, dass sie Anerkennung bekommen und merken, dass die Arbeit erfüllend und wichtig ist, treffen sie bei der Berufswahl vielleicht eher die Entscheidung, in den sozialen Bereich zu gehen. Wir bieten grundsätzlich Schulpraktika für Jungen und Mädchen an.

Welche Kompetenzen müssen die Mitarbeitenden mitbringen, um die Kinder gendersensibel zu erziehen?

Wahnsinnig wichtig ist es, dass sie eine reflektierte Biografiearbeit machen, viel über ihre eigenen Rollenbilder nachdenken und diese auch überprüfen. Was haben sie in ihrer Kindheit erlebt, wie sind ihre Rollenbilder? Erst wenn ich darüber nachdenke, kann ich sie auch in Frage stellen. Und sie müssen auf jeden Fall eine Offenheit mitbringen, das eigene Rollenverständnis auch zu ändern. Ich erlebe immer wieder Erzieherinnen, die ein großes Problem damit haben, mit Männern zusammenzuarbeiten. Entweder, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben oder weil sie denken, der Beruf sei nichts für Männer. Die können noch so qualifiziert sein, die stellen wir nicht ein. Offenheit ist bei uns eine Grundvoraussetzung.

Erleben Sie es, dass Kinder schon mit Rollenklischees in die Kita kommen oder sind sie da noch offen?

Na klar, die kommen doch von zu Hause. Jeder von uns hat doch ganz verklärte Rollenverständnisse. Kinder kommen mit Rollenbildern und erleben dann in der Einrichtung das erste Mal, zum Beispiel durch den Zugang zur Verkleidungsecke, dass sie auch mal die Möglichkeit haben, als Jungen beispielsweise ein Prinzessinenkleid anzuziehen. Und wir versuchen, die Vielfalt deutlich zu machen, dass alles möglich und erlaubt ist. Sollte es unter Kindern dann doch mal Thema werden, greifen wir das auf und reden mit ihnen über Diversity. So können Rollenklischees auch überwunden werden.

Der Kita-Verband Berlin Mitte-Nord hat ein Genderkonzept entwickelt, das für alle Kitas verbindlich ist. Können Sie mir dazu was sagen?

Das Genderkonzept für eine geschlechtsbewusste Pädagogik ist von einer Gruppe aus Kita-Leitungen, Projektleitung und Fachbereichen entwickelt worden. Es ist ein „best practice Ansatz“, wie Genderthemen in der Kita in den Alltag integriert und verankert werden können. Es umfasst Punkte wie Raumgestaltung und definiert den Begriff geschlechterbewusste Pädagogik. Den Blick auf Gender zu richten, bewirkt, dass die sozial geschaffene Situation von Frauen und Männern nicht als naturgegeben, sondern als sozial veränderbar erkannt wird. Nur so können tatsächlich Veränderungen in Gang kommen.

Wie ist es dazu gekommen?

Den Anstoß habe ich gegeben, indem ich mich für das „Mehr Männer in Kitas-Projekt“ beworben habe. Ein Aspekt war dabei, dass wir den Anteil an Männern erhöhen wollten. Mir war es aber auch wichtig, zu gucken, wie wir Männer nicht nur gewinnen, sondern auch behalten können. Wir haben früher immer wieder die Erfahrung gemacht, dass sie nach einer Zeit die Kita wieder verlassen. Die Frage, die sich stellte, war dann: Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, dass Männer bei uns in den Kitas ankommen? Das geht nur, wenn die Mitarbeitenden offen und bereit sind, sich mit dem Thema Gender auseinanderzusetzen. Das Genderkonzept bildet da die Grundlage wie auch das Schutzkonzept, an dem wir immer noch arbeiten.

Was beinhaltet das Schutzkonzept?

Wir nennen es Kinderrechtskonzept, weil es dabei nicht nur um den Schutz vor sexuellen Übergriffen geht, sondern auch darum, festzulegen, wie Kinder im Alltag beteiligt werden. Ein Punkt ist auch zu gucken, welches Beschwerdemanagement wir für Kinder in den Einrichtungen haben und wie wir mit pauschalisierten Verdächtigungen umgehen und ihnen entgegentreten. Das ist ja immer wieder Thema, dass Eltern verunsichert sind, wenn Männer in Kitas arbeiten. Wir sind intensiv dabei, das auszuarbeiten. Wie Sie merken, geht es immer weiter, wenn man einmal A gesagt hat. Es gibt immer neue Anstöße, die weiter bearbeitet werden müssen.