30.08.2017

„Wir sollten dran arbeiten diverser zu werden.“

Dr. Thomas Viola Rieske, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Dissens, erklärt im Interview Nutzen und Ziele des Projekts ‚Boys in Care‘. Er macht sich dafür stark, bei Projekten der Berufsorientierung die Vielfalt unter Jungen stärker mitzudenken.

Bild: dissens.de

Boys in Care ist ein von der EU gefördertes Projekt, mit dem Ziel, auf europäischer Ebene Jungen bei der Berufswahl für geschlechtsuntypische Bildungswege und Karrieremöglichkeiten zu interessieren. Im Zentrum steht dabei die Ausbildung in soziale, erzieherische und pflegerische Berufe. Umgesetzt wird das Projekt, das von April 2017 bis September 2019 läuft, von Dissens – Institut für Bildung und Forschung in Berlin.

In Deutschland gibt es nicht nur einen Fachkräftemangel in Erzieher/innen-berufen, sondern auch in der Pflege. Auch hier wird um mehr Männer geworben. Was hindert die Männer daran, in die Pflege zu gehen oder die Jungen, dort eine Ausbildung zu machen?

Das sind zum einen Männlichkeitsbilder und Männlichkeitsnormen, welche die Idee beinhalten, als Junge oder Mann souverän zu sein und zu herrschen: Männer beherrschen in diesem Ideal die Natur mit Technik, sie beherrschen andere Männer und Frauen, sie beherrschen die Welt. Arbeit mit anderen Menschen heißt aber, sich in Beziehungen zu begeben, in Abhängigkeit von anderen, und das ohne große Rendite – das gilt als weiblich. Wenn Jungen das machen, gerät ihre Zugehörigkeit zur Männlichkeit in Frage und sie verlieren den Zugang zu gesellschaftlich privilegierten Feldern, die ihnen durch die männliche Sozialisation nahegelegt werden. Gleichzeitig gibt es eine hierarchische Ordnung der Berufe. Sie werden unterschiedlich stark anerkannt und unterschiedlich entlohnt. Das Gehalt ist aber für Männer, die ökonomische Sicherheit anstreben und das Ideal des Familienernährers verfolgen, ein wichtiges Entscheidungskriterium. Wenn es keine unterschiedliche Entlohnung gäbe, gäbe es für diese Männer schon mal einen Grund weniger, den Pflegebereich zu meiden.

Eine der Initiativen, Männer für Pflegeberufe gewinnen, ist „Boys in Care“, das seit April 2017 läuft. Können Sie es vorstellen?

Das Projekt soll in einer mehrgleisigen Strategie Wissen aus Ländern, in denen bereits viel zu Jungen in sozialen-, erzieherischen- und pflegenden Berufen gearbeitet wird, wie in Deutschland und Österreich, in Länder transferieren, in denen dies bisher kaum der Fall ist, wie Slowenien, Italien, Bulgarien und Litauen. So soll der Boys' Day beispielsweise in Slowenien eingeführt werden. In Österreich und Deutschland geht es eher darum, existierende Ansätze weiterzuentwickeln.

Was gibt es da zu verbessern?

In Österreich und Deutschland gibt es zwar geschlechterreflektierte Konzepte und Materialien. Doch diese transportieren teilweise noch Geschlechterstereotypen und könnten die Vielfalt von Jungen und Männern noch stärker anerkennen. Mit den Projekten „Mehr Männer in Kitas“, „Neue Wege für Jungs“ und dem „Boys' Day'“ sind wir schon sehr weit. Zugleich gibt es aber Materialien und Methoden, die eine stereotype Männlichkeit abbilden und versuchen, diese als vereinbar mit Pflegearbeit darzustellen. Dem liegt die Annahme zu Grunde, alle Jungen folgten einem Leitbild harter, actionreicher Männlichkeit. Frei nach dem Motto „die Leute da abzuholen, wo sie stehen“ werden die Jungen erst einmal in der Superman-Männlichkeit angesprochen. Ich denke, dass viele Jungen zu solchen Bildern aber ein ambivalentes Verhältnis haben – sie einerseits toll finden, sie andererseits aber auch als Druck empfinden. Und dann gibt’s die, die damit gar nichts anfangen können und die sich längst für soziale oder pflegerische Berufe interessieren. Diese Jungen brauchen Support, aber kein Poster, das ihnen schon wieder vermittelt, dass sie falsch sind. Ich glaube, wir können in Deutschland grundsätzlich mehr in Richtung Diversity gucken. Wir reden zum Beispiel darüber, dass der Friseurberuf ein Frauenberuf ist. Aber für türkeistämmige Jungen ist das unter Umständen anders, denn in ihrem Umfeld ist der Männeranteil unter Friseur/innen größer. Diese Jungen werden nicht angesprochen, wenn eine bestimmte deutsche Perspektive vertreten wird. Wir sollten daran arbeiten, diverser zu werden.

Wie will das Projekt diese Ziele erreichen?

Erst einmal machen wir in jedem Land eine Bedarfsanalyse. Wir schauen uns die bestehenden Initiativen in dem Feld an. In Deutschland den „Boys' Day“, „Neue Wege für Jungs“ und die Angebote zur Berufsorientierung, beispielsweise der Arbeitsagenturen. Unter den Kriterien: Was gibt es als geschlechtersensibles Material, was für Jungenbilder werden da transportiert, wo sehen wir Verbesserungspotenzial? Im zweiten Schritt wollen wir eigenes Infomaterial produzieren. Zudem möchten wir Fortbildungen anbieten für Fachkräfte, die im Feld Berufs- und Studienorientierung unterwegs sind, z.B. Schulsozialarbeiter/innen, die den Boys' Day vor- und nachbereiten. Dann wollen wir Unterstützungsaktionen entwickeln, mit denen Jungen, Eltern und Fachkräfte erreicht werden sollen. Zum Beispiel Videos drehen mit Jungen, die Menschen in Pflegeberufen interviewen oder besondere Praktikumsplätze suchen, die bislang nicht beim Boys' Day vorkommen. Es gibt zum Beispiel das Feld der queeren Jugendhilfe, wo wir es sehr begrüßen würden, wenn die auch Plätze zum Boys' Day anbieten würden. Am Ende des Projektes werden die Ergebnisse in einem Handbuch zusammengefasst und auf einer europäischen Abschlusskonferenz einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.

Was macht Deutschland richtig – und was läuft hier falsch?

Auf der Anspruchs- und Förderebene passiert richtig viel. Hier einige Beispiele: das klare Bekenntnis zur Erweiterung des Berufswahlspektrums, das klare Bekenntnis zur finanziellen Förderung von Initiativen, die mit Jungen arbeiten, die Unterstützung der Qualitätsentwicklung in geschlechterreflektierter Pädagogik durch Vernetzung und Projektförderung. Das Referat Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer vom BMFSFJ gibt hier wichtige Unterstützung. Ausbaufähig finde ich wie gesagt die Anerkennung von Vielfalt unter Jungen. Zudem sind Initiativen wie der Boys' Day immer noch zu isoliert. Entstereotypisierung der Studien- und Berufswahl muss allgemeingültig werden, und nicht nur einmal im Jahr. Auf der Ebene von Männlichkeit muss ebenfalls mehr gemacht werden – wir brauchen eine umfassende und alltägliche Kritik von Männlichkeitsidealen, die kritische Reflexion von Geschlechternormen und -hierarchien muss selbstverständlicher Teil von pädagogischer Professionalität werden.

Problematisch finde ich die seltene Thematisierung der Arbeitsbedingungen im Care-Sektor. Die körperlichen und psychischen Belastungen gepaart mit geringer Entlohnung und prekären Beschäftigungsverhältnissen müssen viel stärker in den Mittelpunkt politischen Handelns rücken. Ich habe von einem Pädagogen gehört, der nicht am Boys' Day teilnehmen wollte, weil er Jungen nicht in Berufe mit diesen Arbeitsbedingungen vermitteln wollte.

… also lässt er lieber die Frauen alleine damit …

Genau, das kann nicht die Konsequenz sein. Aber das ist eben ein Hinweis auf ein Hindernis, und dessen Bearbeitung wäre für alle gut.

Warum mehr Männer in Care-Berufe – außer um den Fachkräftemangel zu decken?

Das beste Argument ist, dass es darum geht, das Feld des Erlaubten für Jungen und Männer zu erweitern. Außerdem finde ich es grundsätzlich wichtig, dass sich alle an Care-Arbeit beteiligen. Solche Initiativen beinhalten ja nicht nur die Berufswahl, sondern es geht auch immer um das Verhältnis insgesamt zu Care. Nicht so tragfähig finde ich das Argument beispielsweise für mehr Männer in der Erziehung, dass Jungen männliche Bezugspersonen brauchen. Das führt dazu, dass die männlichen Bezugspersonen für Jungen zuständig sind. Aber Jungen müssen auch mit trans* Personen und Frauen gute Beziehungen leben können. Zudem sollten Männer sich auch Mädchen und trans* Kindern zuwenden. Die ständige Wiederholung der Zweigeschlechtlichkeit, Männer und Frauen, Mädchen und Jungen, finde ich ebenfalls schwierig, denn es gibt auch einen kleinen Teil an Kindern und Jugendlichen, die genderqueer sind und die kommen in dem Diskurs nicht vor.

Was können Erzieher/innen in Kitas oder Lehrende in Grundschulen tun, um Jungen vielfältige Geschlechterbilder zu zeigen und bei ihnen Interessen jenseits von Geschlechterzuschreibungen zu wecken?

Sie können vielfältige Modelle und Beispiele in Materialien und Begegnungen zur Verfügung stellen und so unterschiedliche Optionen erlebbar machen. Sie können Männlichkeitsanforderungen, die sie möglicherweise ohne es zu wollen doch aussenden, reflektieren und überwinden. Jenseits der Kritik an Zweigeschlechtlichkeit muss man Männer und Frauen als gleichberechtigt sehen und das ist noch lange keine Selbstverständlichkeit, sondern mehr oder weniger subtil immer noch ein großes Problem. Diese Themen behandeln wir auch in unseren Fortbildungen und trainieren dabei zum Beispiel, wie Pädagogen/innen geschlechtliche Zuschreibungen erkennen und vermeiden können.

Nun wird die Pflegeausbildung reformiert, sie soll dadurch ja attraktiver werden. Es wird eine generalistische Pflegeausbildung mit dem Berufsabschluss „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ eingeführt. Die Azubis haben in den ersten beiden Ausbildungsjahren gemeinsame Lerninhalte. Ab dem dritten Ausbildungsjahr können sie die generalistische Ausbildung fortsetzen oder zwischen Kinderkranken- oder Altenpflege wählen. Das neue Gesetz soll 2020 in Kraft treten. Wird dadurch die Ausbildung auch für Männer attraktiver?

Es gibt Hinweise im Bildungsbereich darauf, dass Studiengänge, die altersübergreifend für die Arbeit mit jüngeren und älteren Kindern sowie Jugendlichen qualifizieren, einen höheren Männeranteil haben. Ich glaube schon, dass da Potenzial drin liegt.

Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, damit mehr Männer ihren Weg in erzieherische, pflegerische oder soziale Berufe finden?

Verbesserung der Arbeitsbedingungen, bessere finanzielle Entlohnung und Verringerung der Belastungen in den Care-Berufe, mehr Auseinandersetzung mit Männlichkeitsbildern in der Pädagogik und deren Ausbildung. Care-Arbeit muss geschlechterübergreifend cool werden!