Männer in die Grundschulen: Rent a teacherman

Im Interview erzählt Dr. Christoph Fantini, wie Kinder in Grundschulen die Überzeugung entwickeln, dass Männer nicht Grundschullehrer sein können, weil es "Grundschullehrerin" heißt.

Foto: privat.

Dr. Christoph Fantini ist Lektor im Fachbereich Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Uni Bremen mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Bildung. Er leitet die Initiative „Männer in die  Grundschulen / Rent a teacherman“, ein Kooperationsprojekt der Universität Bremen, der Senatorin für Bildung und Wissenschaft und des Landesinstituts für Schule (LIS). Gemeinsam arbeiten sie an dem Ziel, mehr Männer für das Grundschullehramtsstudium zu gewinnen. Die Arbeitsgruppen Ausbildung, Kontakte und Projekte sowie Imageförderung arbeiten daran, eine größere Wahrnehmung auf den Beruf Grundschullehrer zu lenken und besonders junge Männer dafür zu interessieren. Im Interview spricht Dr. Fantini über die Ergebnisse nach fünf Jahren Projekterfahrung und denkt über eine Männerquote an Grundschulen nach.

Herr Fantini, Sie erheben mit der „Fachtagung zum Genderpädagogischen und -politischen Einspruch nach fünf Jahren „Rent a teacherman“, die am 7. September in Bremen stattfinden wird, einen Einspruch und versehen ihren Tagungstitel „Pädagogik der Vielfalt in ‚männerfreien‘ Räumen?“ mit einem Fragezeichen. Können Sie uns beschreiben, was Sie mit diesem Impuls zum Ausdruck bringen möchten?

Als ich vor fünf Jahren das Projekt „Rent a teacherman – Männer in die Grundschule“ gegründet habe, hatte ich allein auf Basis der Analyse der Zahlen zur Geschlechterverteilung bei Lehrkräften in der Grundschule den Eindruck, dass hier etwas getan werden müsste, um Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu geben, auch genderbezogene Vielfalt im „Lehrkörper“ erleben zu können. Dass Kinder sehr stark am Modell lernen, ist in den Erziehungswissenschaften unstrittig.

Am eindrucksvollsten bei der Datenanalyse im negativen Sinne war besonders die Erkenntnis, dass es allein in Bremen 17 Grundschulen ohne eine einzige männliche Lehrkraft gab. Durch die Arbeit der Studenten, also der „teachermen“, in diesen Schulen in den letzten Jahren, durch deren Berichte in den regelmäßigen gemeinsamen Reflexionsrunden und die wachsende Begleitforschung zum Projekt wurde erst die wirkliche Dramatik der Situation erkennbar. In diesen Schulen entwickeln sich Kinder mit absolut gefestigten Überzeugungen dazu, dass Männer in einen solchen pädagogischen Raum einfach nicht gehören.

Fast alle meine Mitarbeiter werden zu Beginn ihrer Einsätze über mehrere Wochen mit „Frau soundso“ angesprochen oder bekommen zu hören, dass ihr Studienziel nicht „Grundschullehrer“ sein kann, weil das „Grundschullehrerin“ heißt. Und das sind noch die Erfahrungen, die einen vielleicht etwas zum Schmunzeln bringen. Andere stereotype Annahmen der Kinder, über die wir beim Fachtag berichten werden, sind noch bedeutend destruktiver für gelingende Bildungsprozesse, nicht nur in Bezug auf Geschlechterrollen …

Da aber bundesweit in meinen Augen doch recht wenig getan wird, um diese wirklich dramatische Situation zu verändern, halte ich einen „Einspruch“ für dringend erforderlich. Und dass man mit recht einfachen Mittel sehr effektiv etwas tun kann, belegt unser Projekt sehr deutlich. Es gibt hier also bildungspolitischen Handlungsbedarf.

Was kann man denn tun und welche Unterstützung bräuchte es dazu?

Man könnte und sollte auf vielen verschiedenen Ebenen aktiv werden. Zum einen bräuchte es eine koordinierte, professionelle Imagekampagne, wie es Ihr Projekt „Männer in Kitas“ einfach vorbildlich vormacht. Eigentlich wäre da womöglich eine Erweiterung Ihres Projektes um den Teil Grundschule durch Kofinanzierung aus dem Bildungsministerium das Zielführendste. Denn die Überschneidungen sind so groß, Ihre Erfahrungswerte wertvoll und das Ziel ja im Endeffekt ein Gemeinsames, nämlich die Förderung von Vielfalt der Geschlechtsrollenorientierungen. Die Aussage, dass so etwas nicht ginge, weil Bildung eben Ländersache sei, überzeugt mich angesichts der bundesweiten Problematik überhaupt nicht.

Zum anderen gäbe es strukturell in dem Bereich Zulassungskriterien zum Studium des Grundschullehramtes etwas zu tun. Denn aus Erfahrung weiß ich inzwischen, dass eine beträchtliche Zahl von eigentlich interessierten jungen Männern bei ihren Bewerbungen für einen Studienplatz an dem extrem hohen indirekten NC scheitern oder sich gar nicht erst bewerben. Denn die Masse der Bewerbungen für dieses Studium führt dazu, dass dann nur Menschen mit sehr gutem Abitur direkt zugelassen werden. Und wie sich die sehr guten Abschlussnoten geschlechtsspezifisch verteilen, wissen wir.

Könnte da nicht eine Männerquote helfen?

Hier sollte es nicht um eine „Männerquote“ bei der Uni-Zulassung gehen. Das ginge auch gar nicht. Aber die Aufwertung von pädagogischen Vorerfahrungen gegenüber den reinen Ziffernnoten der Schulabschlüsse wäre sehr sinnvoll und ohne weiteres praktikabel. Unsere Begleitforschung zeigt ganz klar, dass ca. 75 Prozent der Männer, die Grundschullehramt studieren wollen, intensive pädagogische Vorerfahrungen haben aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), JuLeiCa-Tätigkeiten (Jugendleiter/In-Card), Übungsleiteraktivitäten etc.. Und das sagt über die Motivation und mögliche Eignung mehr aus als Stellen hinterm Komma bei dem „Einser-Abi“.

Und an dritter Stelle – persönlich natürlich an erster Stelle – würde ich unbedingt eine Ausweitung unseres Projektgedankens aus „Rent a teacherman“ an möglichst viele Universitäten, die für Lehramt ausbilden, sinnvoll finden. Das Projekt schafft mit begrenztem logistischen und finanziellen Aufwand wirklich erstaunlich viel. Nachzulesen wäre das im Detail, auch in Bezug auf unser Qualifizierungsprogramm, am besten auf unsere Website

www.maenner-in-die-grundschule.de I Link zur Webseite.

Und das ganz dicke Brett wäre dann, aufbauend auf allen zuvor genannten Strategien, die Überlegung, vorübergehend eine Männerquote an Grundschulen anzudenken. Also beispielsweise, dass „männerfreie“ Schulen in einem Zeitraum von fünf Jahren nachweisen müssten, was sie dafür getan haben, auch qualifizierte Männer ins Team zu holen. Dass dabei Qualifikation weiterhin immer vor „Bartwuchs“ stehen muss, ist natürlich eine Selbstverständlichkeit. Ob sich allerdings Qualifikation immer in Ziffernnoten von Abschlüssen ablesen lässt, bleibt stark zu bezweifeln.