Österreich

„Es gibt einen deutlichen ‚Junge-männliche Fachkraft-Effekt‘.“ Prof. Josef Aigner aus Österreich im Interview über seine Studie zur „Wirkung männlicher Fachkräfte auf Kinder im elementarpädagogischen Alltag.“

Herr Prof. Aigner, im letzten Jahr haben Sie die Ergebnisse Ihrer Studie veröffentlicht. Was sind die zentralen Ergebnisse Ihrer Studie und welche Forderungen ergeben sich daraus für die Praxis?

Wir haben Kita-Alltagsszenen per Video beobachtet und analysiert. Eines der wichtigsten Ergebnisse ist, dass wir in von einem Mann und einer Frau geführten Gruppen unterschiedliche Verhaltensweisen, Reaktionen und Interaktionen v.a. der Jungen im Vergleich zu in nur von Frauen geleiteten Gruppen beobachtet haben. Jungen scheinen sich im ersten Fall mehr ins Zentrum des Geschehens zu bewegen, sich weniger am Rand aufzuhalten als in nur von Frauen geführten Gruppen. Das heißt, dass Jungen sich weniger desinteressiert oder gelangweilt am Rande der Szene aufhalten, sondern sich – gemeinsam mit Mädchen – aktiver beteiligen.

Jungen zeigen häufiger positives Kontaktverhalten zu männlichen Fachkräften, speziell in den Dimensionen Nähe, Körperkontakt und affektiver Austausch. Für Mädchen finden sich diese beobachteten „Effekte“ interessanterweise nicht. Es gibt also einen deutlichen „Junge-männliche Fachkraft-Effekt“. So etwas wie eine „geschlechtsneutrale Pädagogik“, also dass es praktisch egal wäre, ob männliche Fachkräfte vorhanden sind, weil nur die Professionalität zählte, gibt es nach unseren Studien im komplexen Wechselspiel zwischen Erwachsenen und Kindern nicht. Manche Jungen können von der Präsenz einer engagierten männlichen Fachkraft in besonderem Maße profitieren - weil sie damit aktiver am Gruppen- und damit auch am Bildungsgeschehen teilnehmen.

Sie heben die Wichtigkeit männlicher Erzieher vor allem für Jungen (insbesondere mit wenig Kontakt zu ihren Vätern) hervor. Zugleich konstatieren Sie, dass das Verhalten der Jungen im Zusammensein mit männlichen Erziehern oftmals stereotyper bzw. ‚jungentypischer‘ ist, Jungen z.B. eher oppositionell-aggressives Verhalten zeigen. Zugleich stellen Sie eine Steigerung der sozial-emotionalen Kompetenzen fest. Wie erklären Sie sich diesen scheinbar widersprüchlichen Befund? Was könnte das für die pädagogische Praxis in Kindertagesstätten bzw. das Handeln männlicher Erzieher bedeuten?

Diese Feststellungen sind nur scheinbar widersprüchlich: Jungen zeigen mehr Extrovertiertheit in auch von Männern geführten Gruppen, d.h. sie halten diese Tendenzen nicht zurück, wodurch es möglich wird, pädagogisch darauf zu reagieren. Dies setzt natürlich eine entsprechend geschlechtersensible Ausbildung der Kita-Fachkräfte voraus – eine Forderung, die übrigens bei weiblichen Fachkräften viel weniger häufig zu hören ist. Für die pädagogische Praxis bedeutet das, dass geschlechtsstereotype Verhaltensweisen, die die Jungen natürlich schon mitbringen, so sicht- und bearbeitbar werden. Damit zusammenhängend ist auch eine Anhebung sozial-emotionaler Fähigkeiten zu beobachten, was etwa Konfliktaustragung und Verzicht auf aggressives Agieren betrifft. Außerdem durchmischen sich die mitgebrachten Verhaltenstendenzen (die ja nicht alle ‚schlecht‘ sind!), wie wir schon aus norwegischen Erfahrungen wissen, sodass auch Mädchen und sogar weibliche Fachkräfte davon ‚angesteckt‘ werden: sie finden auf einmal auch Gefallen an Tätigkeiten oder Spielen, die bislang tendenziell als ‚typisch männlich‘ galten, was zur Annäherung der Geschlechter bzw. zur Aufweichung vorhandener Klischees beiträgt.

Wie wurde Ihre Studie in Österreich (und darüber hinaus) aufgenommen?

Das Thema wurde von den Medien geradezu begierig aufgenommen und kam im TV-Teletext unseres Öffentlich-rechtlichen Fernsehens bis auf die prominenten Seiten 114 und 115 (bei 111 beginnt die Politik-Berichterstattung). Printmedien rissen sich um Interviews, das Regionalradio und –Fernsehen ebenfalls.
Die Debatte dazu in Österreich ist offen und interessiert, allein schon wegen des aktuellen und noch mehr auf uns zukommenden Fachkräftemangels. Einig ist man sich darin, dass es Signale an Männer geben müsste, die sie einladen, sich solchen Berufen zuzuwenden. Besonders prägnant ist dabei die Debatte zum Gleichstellungsgesetz, das bei sehr einseitig von Männern besetzten Berufsfeldern Frauen ja besonders zur Bewerbung einlädt und bei gleicher Qualifikation bevorzugt. Im Fall der Kitas wird diese stehende gesetzliche Phrase zur Absurdität, aber eine umgekehrte Formulierung ist wegen der Einseitigkeit dieses Gesetzeswerks nicht erlaubt. Bis jetzt jedenfalls nicht.

Vielen Dank für das Interview!