Schweiz

Gender in der Kita: Veränderungen zur Inklusion von Männern gemeinsam gestalten. Wiebke Tennhoff vom Schweizer Projekt "Gender in der Kita: Veränderungen zur Inklusion von Männern gemeinsam gestalten" im Interview.

Das Schweizer Projekt mit dem Titel „Gender in der Kita: Veränderungen zur Inklusion von Männern gemeinsam gestalten“ richtet sich an interessierte Kitas, die ihre Arbeit reflektieren und weiterentwickeln wollen, und an Männer, die in diesem Feld arbeiten oder sich in der Ausbildung zum Kinderbetreuer befinden. Ziel ist es dabei, Kitas bei der Inklusion von Männern zu unterstützen und Männern den Einstieg in das Berufsfeld erleichtern.

Das Projekt gliedert sich in die Bereiche Kita-Entwicklung und Coaching. Durchgeführt wird das Projekt von der Pädagogischen Hochschule St.Gallen und der Universität St.Gallen in Kooperation mit Curaviva, der Höheren Fachschule für Kindererziehung Zug (hfk) und dem Verband Kinderbetreuung Schweiz kibesuisse. Für die Kitas und die an den Coachings teilnehmenden Männer entstehen keine direkten Kosten, sie werden jedoch dazu angeregt, ihren Arbeitsalltag zu reflektieren und zu verändern.

Wir haben Wiebke Tennhoff, Mitarbeiterin im Projekt, Erzieherin und Berufsschullehrerin, gefragt, ob sie uns einige Fragen beantwortet.

Mit dem Projekt „Gender in der Kita: Veränderungen zur Inklusion von Männern gemeinsam gestalten“ unterstützen Sie zum einen Kitas bei der Organisationsentwicklung zum Thema Gender, und Sie bieten zum anderen Coachings für männliche Fachkräfte an, um sie beim Einstieg in Kitas zu begleiten und unterstützen. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?

Zurzeit befindet sich das Projekt noch in der Anfangsphase, das heißt wir haben sechs Pilotkitas gefunden und die ersten Besuche sind für Januar geplant. Ziel des Projektteils „Kita-Entwicklung“ ist es, mit den Kitas die gelebte Praxis in Bezug auf Gender zu analysieren, zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern. Die teilnehmenden Kitas haben den Wunsch, (mehr) Männer einzustellen und auch zu halten. Wir schauen uns die jeweilige Kita gemeinsam durch die viel zitierte „Gender-Brille“ an, unser Fokus liegt dabei besonders auf der Raumgestaltung und Materialangebot, auf den Tagesstrukturen und auf der Zusammenarbeit von Frauen und Männern im Team. Mit den Kitas reflektieren wir Fragen wie: Wer ist wofür zuständig und warum? Welche Spielbereiche sind im Raum eingerichtet, welche Angebote finden statt und welche nicht? Die Ergebnisse unseres Forschungsprojektes „(un)doing gender in Kinderkrippen“, welches wir von 2010 bis 2013 im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms Gleichstellung der Geschlechter durchführten, zeigten unter anderem, dass männlich konnotierte Bereiche insgesamt noch zu wenig Platz in Kitas haben. Wenn es sie gibt, sind sie häufig von weiblich konnotierten Bereichen getrennt. So ist die Bauecke von der Puppenecke getrennt angeordnet und sportliches oder wildes Spielen wird weniger gefördert.

Wir gehen davon aus, dass die Reflexion dieser Fragen die Kitas nicht nur dabei unterstützt, ein geschlechtersensibleres Angebot für die Kinder zu gestalten, sondern die Integration von  männlichen Bereichen und Verhaltensweisen wie beispielsweise wilderes Spiel oder Werken und Bauen auch dazu führt, dass die Arbeit in Kitas für Männer – aber auch für Frauen – attraktiver wird. Dabei ist es uns wichtig, dass Kinderbetreuer nicht nur für eben diese männlich konnotierten Bereiche zuständig sind, es sollen keine männlichen Nischen im weiblichen Berufsfeld entstehen. Zwar kann durch diese Spezialisierung auf eher männlich konnotierte Aktivitäten die Diskrepanz zwischen der eigenen Geschlechtsidentität und dem stereotypen Bild des Berufs abfedern. Gleichzeitig ist so eine Spezialisierung auf bestimmte Bereiche aus mehreren Gründen nicht förderlich: sie zementiert für die Kinder die stereotypen Geschlechterrollen, sie entspricht häufig nicht unbedingt den Fähigkeiten und Kompetenzen der Kinderbetreuer, und zudem besteht in Kitas berechtigterweise der Anspruch, dass jedes Teammitglied alle Arbeiten übernimmt. In dem Projektteil Coaching möchten wir Männer, die sich in der Ausbildung zum Kinderbetreuer befinden, auf die Herausforderungen des Berufs vorbereiten und sie untereinander vernetzen. Es wird um genau solche Fragen gehen: Wie kann ich meine Fähigkeiten und Interessen im Team einbringen? Wie gehe ich mit kritischen und diskriminierenden Reaktionen um?

Die Gruppencoachings sollen auch ein Forum zum Austausch und zum Kennenlernen sein, Männer können hier sehen, dass die Erfahrungen, die sie machen häufig mit ihrer strukturellen Position als Minderheit zusammenhängen und Kritik oder Ängste von Eltern meistens nichts mit ihrer Person zu tun haben. Sie erfahren durch den Austausch in der Gruppe und die Begleitung durch die Coaches, wie in andern Institutionen mir den gleichen Herausforderungen umgegangen wird, beispielsweise ob eine Sonderregelung für Männer in Pflegearbeiten nötig ist, bzw. wie eine nichtdiskriminierende Praxis aussehen würde.

Welche Themen tauchen in Ihren Fortbildungen und Coachings auf? Was sind Hürden in der Einbeziehung von Männern in Kita-Teams und was hilft, diese Hürden zu beseitigen?

Die größten Hürden für den gleichwertigen Einbezug von Männern sind unserer Erfahrung nach die Annahmen über Geschlecht, die an vielen Stellen im Alltag wirksam sind. Erwartungen an Männer aufgrund ihres Geschlechts führen häufig dazu, sie auf bestimmte Verhaltensweisen oder Tätigkeiten festzulegen, im positiven wie im negativen. Kinderbetreuer erleben, dass ihnen einige Eltern mit Skepsis begegnen oder die Präsenz von Männern in diesem Bereich generell kritisch gesehen wird. In solchen Zusammenhängen werden sie zum „ungewollten Anderen“.

Andererseits werden ihnen, besonders von Kitaleitungen oder Kolleginnen, jedoch auch von Eltern, positive Eigenschaften zugeschrieben, die für die Kitaarbeit nützlich erscheinen, wie z. B. sportliche Kompetenzen oder handwerkliches Geschick. In diesen Fällen werden Männer als die „gewollten Anderen“ gesehen. Dies kann für Männer angenehm sein, gleichfalls zeigt diese Situation aber auch, dass es für Männer schwierig ist, als gleichberechtigtes Teammitglied wahrgenommen zu werden. Diese Annahmen zu reflektieren ist ein erster Schritt. Dann gilt es den Auswirkungen dieser Annahmen über Geschlecht auf die Spur zu kommen, beispielsweise in Bezug auf die Arbeitsteilung im Team. Ein Kinderbetreuer hat uns berichtet, dass er häufig mit den Kindern wildere Spiele macht und tobt, obwohl er seine Stärken und Interessen eigentlich mehr im kreativen Bereich sieht und den Kindern am liebsten Märchen erzählt. Hier kann es helfen, mit dem Team Stärken- bzw. Interessenprofile zu erarbeiten und zu überlegen, welche Kompetenzen noch ausgebaut werden sollen um das Angebot zu erweitern. Die Ressourcen, die die Mitarbeitenden mitbringen sind für die Kita sehr wichtig und sollten möglichst für das Team - und damit für alle Kinder - nutzbar gemacht werden. Mehrere Männer erzählten uns, dass für sie das Singen mit den Kindern anfangs einiges an Überwindung kostete. Hier kann es helfen, wenn eine musikbegeisterte Kollegin als Mentorin fungiert und Tipps und Hilfestellungen geben kann, auch teamübergreifend.

Häufig haben wir auch festgestellt, dass Themen wie Nähe und Distanz und der Umgang hiermit in Alltagssituationen erst thematisiert werden, wenn Männer ins Team kommen. Wichtig ist es aus unserer Sicht, dass diese Themen unabhängig von der Präsenz von Männern regelmäßig im Team diskutiert werden und konzeptionell verankert werden. Transparente Regelungen, beispielsweise für die Wickelsituation, schaffen Sicherheit für alle Beteiligten und erleichtern neuen Teammitgliedern die Einarbeitung.

Wie wird Ihr Projekt aufgenommen und wie verlaufen die Debatten um „Männer in Kitas“ in der Schweiz?

Im letzten Jahr haben wir bereits Workshops zu diesem Thema in Bern, Basel und Zürich gehalten und dort mit Kita-Leitungen gearbeitet. Hier haben wir positive Resonanz erhalten und in diesem Zusammenhang einen Praxisratgeber erarbeitet, der auf unserer Homepage zum Download erhältlich ist. Die Rückmeldungen der Kitas, aber auch die vielen Presseanfragen, die uns erreicht haben, zeigen uns einerseits, dass insbesondere unser Vorgehen, bei der Alltagspraxis der Kitas anzusetzen, sehr hilfreich für die Kitas ist. Andererseits zeigen uns die Rückmeldungen, wie aktuell dieses Thema ist. Wir waren positiv überrascht von dem großen medialen Echo, das schon unser vorgängiges Forschungsprojekt ausgelöst hat! Dabei konnten wir feststellen, dass das Thema Männer in Kitas, ähnlich wie in Deutschland, größtenteils positiv aufgenommen wird, jedoch mit der Tendenz, sie zu glorifizieren, d. h. ihnen besondere Fähigkeiten zuzuschreiben, die Frauen nicht haben.

Jedoch gibt es auch in der Schweiz kritische Stimmen gegen Männer in Kitas. Die von uns interviewten Kinderbetreuer haben sehr ähnliche Erfahrungen gemacht: häufig wird ihre Berufswahl belächelt und ihnen wurde, insbesondere von einzelnen Eltern, Misstrauen entgegen gebracht. In der Schweiz, insbesondere im deutschsprachigen Teil, ist die Besuchsrate niedrig und viele Kinder werden innerhalb der Familie betreut oder besuchen die Kita nur wenige (Halb-) Tage in der Woche. Da die Kinderbetreuung zu lange als Privatangelegenheit der Familien erachtet wurde, fehlen schweizweite Richtlinien oder Vorgaben, was die Inhalte der Arbeit anbelangt, wie auch aussagekräftige Statistiken. Umso positiver ist es, dass das Thema Männer in Kitas in der letzten Zeit viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Zurzeit plant männer.ch, der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, ein Projekt zur Realisierung einer Institution für Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation rund um das Thema Männer in Kitas.

Wir blicken also positiv und gespannt in die Zukunft!

Vielen Dank für das Interview!