19.03.2015

Bundesforum Männer

Nicht ohne Grund beleuchtet der Equal Pay Day die enormen Einkommensgefälle zwischen z.B. Erzieherinnen und DAX-Chefs. Solche Lohnabstände zwischen verschiedenen Berufsgruppen werfen die allgemeine Frage nach der Bewertung von Arbeit auf. Solche Systemfragen sind nicht zuletzt auch männerpolitisch sehr interessant.

Foto: Dr. Dag Schölper.

Das Bundesforum Männer sitzt im Beirat zum Forum des Equal Pay Day. Wir haben Dr. Dag Schölper dazu befragt, warum sich das Bundesforum Männer für den Equal Pay Day engagiert und welche geschlechterpolitischen Forderungen es daran knüpft. Dag Schölper ist Geschäftsführer vom Bundesforum Männer.

Das Bundesforum Männer sitzt im Beirat des Equal Pay Day – warum, wo es doch um die schlechtere Bezahlung von Frauen geht? Welches Interesse hat das Bundesforum am Equal Pay Day?

Das Bundesforum Männer unterstützt den Equal Pay Day (EPD), weil es ein Interessenverband für Jungen, Männer und Väter ist. Der EPD zielt auf Lohngerechtigkeit ab, darauf, dass gleiche und gleichwertige Arbeit grundsätzlich gleich entgolten werden soll. Das betrifft letztlich Frauen wie Männer gleichermaßen. Wenn sich also Männer im Rahmen des EPD für gleiche und faire Entlohnung einsetzen, dann tun sie das aus Solidarität und gleichzeitig aus ganz eigenem Interesse. Es ist doch so: Immer mehr Männer wollen und können die Rolle gar nicht mehr erfüllen, die ihnen in Tradition der bürgerlichen Familienmodells des 19. Jahrhunderts zugewiesen wird. Sie wollen eine neue Normalität und die anfallenden Aufgaben ganz pragmatisch zwischen sich und ihren Partnerinnen aufteilen – auf Augenhöhe. Gleiche und faire Löhne sind ein wesentlicher Beitrag, um das auch praktisch zu ermöglichen. Dabei ist mir wichtig, dass die Perspektive in dieser Diskussion nicht nur von der Mittelschicht aufwärts gerichtet ist.

Welche geschlechterpolitischen Forderungen verbindet ihr mit Eurem Engagement?

Wir setzen uns dafür ein, dass Männer und Frauen von ihrer Arbeit vernünftig leben können – und das auch noch im Rentenalter. Wir setzen uns dafür ein, dass Arbeitszeiten bedarfsgerecht gestaltet werden können, sodass Männer und Frauen ihre Berufstätigkeit und alle anderen wichtigen Bereiche ihres Lebens gemeinsam und einigermaßen stressfrei unter einen Hut bringen können. Faire Löhne für Frauen wie für sich selbst sind ein zentrales Anliegen von Männern.

Viele Einkommen reichen aber einfach nicht  aus, um davon Kinder und Partner bzw. Partnerinnen mitzuversorgen. Darum sind auch aus der Perspektive von Jungen, Männern und Vätern Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit richtig und wichtig. Zudem müssen Fehlanreize wie Ehegattensplitting, Mitversicherung oder Betreuungsgeld endlich beseitigt werden. Dabei ist allerdings umsichtiges Handeln gefordert, damit das nicht gerade den Schwächsten zusätzlich auf die Füße fällt.

Gesetzt den Fall, dass Männer und Frauen in Zukunft gleich bezahlt würden, wie schätzt das Bundesforum die Auswirkungen auf die vergeschlechtlichte Berufswelt und damit auf das Geschlechterverhältnis ein?

Ehrlich gesagt, ich kann mir diesen utopischen Fall im Rahmen der bestehenden Wirtschaftsordnung nicht vorstellen. Nicht ohne Grund beleuchtet der Equal Pay Day die enormen Einkommensgefälle zwischen z.B. Erzieherinnen und DAX-Chefs. Solche Lohnabstände zwischen verschiedenen Berufsgruppen werfen die allgemeine Frage nach der Bewertung von Arbeit auf. Solche Systemfragen sorgen für öffentliche Debatten, führen hoffentlich zu mehr Transparenz und sind nicht zuletzt auch männerpolitisch sehr interessant. Denn ähnliche Einkommensgefälle  herrschen ja bspw. auch zwischen einem Finanzdienstleister und einem Bau-Elektriker vor. Beide tragen große Verantwortung, leisten massenhaft unbezahlte Überstunden und von beiden wird erwartet, rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Von außen betrachtet ist darum nur schwer nachzuvollziehen, warum der eine nicht nur mehr, sondern mitunter ein Vielfaches vom Lohn des anderen bekommt. Und um diese grundsätzliche Entgeldkultur unter marktökonomischen Bedingungen geht es eben auch, wenn der EPD auf den (unbereinigten) Einkommensunterschied in Höhe von rund 22 % zwischen Frauen und Männern hinweist.(*)

Wir wissen, dass Dreiviertel der Männer „für die konsequente Gleichstellung von Frauen und Männern im Privaten als auch im Beruf“ (1) sind. Männer wollen keine Partnerin, die von ihnen finanziell abhängig ist. Das bedeutet nicht, dass sie keine Verantwortung übernehmen wollen, sondern dass sie Partnerschaften auf gleicher Ebene führen wollen. Nur, wie lässt sich das vernünftig in die Tat umsetzen – vor allem ab dem Moment, wo Kinder ins Spiel kommen? Zwei wichtige branchenübergreifende Voraussetzungen sind: ausreichend hohe Einkommen und ausreichend kurze tatsächliche Arbeitszeiten für Frauen und Männer plus gute Betreuungsinfrastrukturen.

Klar ist: Das Modell der Versorger-Ehe (Mann verdient das Geld und Frau kümmert sich um Haushalt und Kinder) hat für die größten Teile in unserer Gesellschaft seine normative Leitbildfunktion verloren, vor allem aber seine ökonomische Tragfähigkeit. D.h. zwei Einkommen sind schon heute in vielen Familien schlichtweg notwendig. Darin liegt gleichstellungspolitisches Potential, schafft aber auch große Herausforderungen. Studien zeigen gerade, dass viele Paare, die vor dem ersten Kind weitgehend egalitär leben, mit der Geburt eines Kindes eben doch auf ein traditionelles Eltern-Paar-Arrangement zurückgeworfen werden. Lohnungleichheit verstärkt diesen Effekt. Das gilt aber nicht für alle. Denn in Regionen und Branchen, in denen vorwiegend so wenig verdient wird, dass es kaum für eine Person zum Leben reicht, fehlt die Option „Ernährermodell“. Auch eine Individuelle Vorsorge ist so  nicht möglich, Abhängigkeiten und Altersarmut damit vorprogrammiert. Männer wollen weder für sich noch für Frauen eine Gleichheit in der Armut.

Vielen Dank für das Interview!

(*) Das Statistische Bundesamt errechnet seit einigen Jahren eine Gehaltsdifferenz von 22 Prozent zwischen Männern und Frauen. Diese Zahl beinhaltet alle Verdienste, unabhängig von möglicher Teilzeitarbeit, längeren Auszeiten oder unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Es ist die unbereinigte Lohnlücke. Berücksichtigt man diese Faktoren und bezieht sich auf gleiche Arbeit in gleicher Position, bleibt dennoch ein Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen von etwa sieben bis acht Prozent, die bereinigte Lohnlücke. Frauen verdienen also deutlich weniger – nur weil sie Frauen sind.

(1) Carsten Wippermann: Jungen und Männer im Spagat: Zwischen Rollenbildern und Alltagspraxis. Eine sozialwissenschaftliche Untersuchung zu Einstellungen und Verhalten. Hrsg. BMFSFJ, Berlin 2013, S. 16.