19.03.2015

Genderbüro

„Aufgrund des demografischen Wandels müsste Sorgearbeit in Zukunft unweigerlich ein zunehmend knappes Gut auf dem Arbeitsmarkt werden und nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage ökonomisch aufgewertet werden. Leider versagen Marktlogiken nur allzu oft, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit geht.“

Foto: Dr. Regina Frey.

Die Koordinationsstelle befragte die Politikwissenschaftlerin Dr. Regina Frey zum Gender Pay Gap im Erzieher/innenberuf. Seit 2002 leitet Regina Frey das genderbüro, das bundesweit und international in Sachen Gleichstellung und Chancengleichheit berät. Das genderbüro unterstützt öffentliche und private Einrichtungen bei der Umsetzung von Strategien zur Chancengleichheit mit verschiedenen Formaten.

Der soziale Bereich ist weiblich konnotiert, insbesondere der Erzieher/innenberuf wird überwiegend von Frauen ausgeübt. Macht sich der Gender Pay Gap dennoch auch hier bemerkbar?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Eine Erhebung des gewerkschaftsnahen WSI-Instituts ergab, dass der durchschnittliche Einkommensunterschied der befragten Erzieherinnen 180 Euro geringer war als das der Erzieher – also 7 Prozent Unterschied besteht. Allerdings spielen hier weitere Faktoren eine Rolle wie Betriebsgrößen, Ost-West, Berufserfahrung, Tarifbindung und Teilzeit. Auch ist der Datensatz nicht sehr groß. (1) Ich bin jedenfalls vorsichtig geworden, was die Zahlen angeht: Der Gender Pay Gap ist voraussetzungsvoll; so sollte zum Beispiel zwischen dem bereinigten und dem unbereinigten Pay Gap (1.1) unterschieden werden. Gerade heute (16.3.2015) hat das statistische Bundesamt neue Zahlen veröffentlicht, die Pressemitteilung zeigt, dass sich hinter den plakativen durchschnittlichen 22 Prozent Verdienstunterschied sehr verschiedene Ungleichheiten verbergen. Im Wirtschaftszweig „Erziehung und Unterricht“ liegt diese Zahl aktuell bei sieben Prozent. (2)

Die Diskussion um den Gender Pay Gap wird noch interessanter, wenn wir die Frage nach dem Wert von Arbeit stellen: Warum sind gerade Berufe im sozialen Bereichen eher schlecht bezahlt, also warum ist der „Care“-Bereich hierzulande so unterbewertet? Und die Bloggerin Antje Schrupp stellte jüngst die provokative Frage: „Vergrößert die Professionalisierung von Care das Gender Pay Gap?“ (3)

Ich bin dafür, die Frage nach der Bezahlung von Arbeit im Zusammenhang mit grundsätzlichen Fragen zum Wert von Arbeit und zu verschiedenen Ungleichheitsverhältnissen zu diskutieren.

Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, um die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen u.a. im Sozialen Bereich zu verändern?

Aufgrund des demografischen Wandels müsste Sorgearbeit eigentlich in Zukunft unweigerlich ein zunehmend knappes Gut auf dem Arbeitsmarkt werden und nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage ökonomisch aufgewertet werden. Leider versagen Marktlogiken nur allzu oft, wenn es um Fragen der Gerechtigkeit geht.

Die ungleiche Bezahlung resultiert ja unter anderem aus den verschiedenen Funktionen, die Frauen und Männer innerhalb des sozialen Bereichs ausfüllen. So gibt es das Phänomen des „Gläsernen Fahrstuhls“: Männer treffen tendenziell auf weniger Hindernisse, wenn sie aufsteigen möchten, sie werden dazu sogar eher gefördert und ermutigt als Frauen.  Wenn Männern Leitung aufgrund ihres Geschlechts deutlicher zugetraut wird, dann haben sie bessere Chancen – obwohl sie nicht unbedingt die besseren Führungskräfte sind. Hier wäre es notwendig, genau auf die Beurteilung von Arbeitsleistung zu schauen, Auswahlprozesse chancengerecht zu gestalten und Stereotype zu Geschlecht und Führung zu hinterfragen. Das hat auch mit Arbeits- und Organisationskulturen zu tun. (4)

Gesetzt den Fall, dass Männer und Frauen in Zukunft gleich bezahlt würden, wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die vergeschlechtlichte Berufswelt und damit auf das Geschlechterverhältnis ein? Könnten sich im Sozialen Bereich Besonderheiten zeigen? Wenn ja, welche?

Meine Prognose ist: Bis es keine geschlechtstypische Unterteilung des Arbeitsmarktes mehr gibt und alle Menschen für gleichwertige Arbeit auch gleich bezahlt werden, wird noch eine SEHR lange Zeit vergehen. Ich kann und will hier nicht in die Glaskugel schauen, aber es wäre schon plausibel, dass soziale Berufe für mehr Menschen und auch mehr Männer attraktiver würden, wären sie besser bezahlt. Es klingt etwas zynisch, aber damit wären dann zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die bessere Anerkennung gesellschaftlich notwendiger Arbeit und der Anstieg des Männeranteils in weiblich dominierte Berufsgruppen.

Vielen Dank für das Interview!

Im Interview genannte Quellen, Verweise & Erläuterungen:

(1)    www.lohnspiegel.de/dateien/erzieher-innen | Die Ergebnisse basieren auf 716 Datensätzen einer online-Befragung von 2008 bis 2013
(1.1.) Das Statistische Bundesamt errechnet seit einigen Jahren eine Gehaltsdifferenz von 22 Prozent zwischen Männern und Frauen. Diese Zahl beinhaltet alle Verdienste, unabhängig von möglicher Teilzeitarbeit, längeren Auszeiten oder unterschiedlichen Aufgabenbereichen. Es ist die unbereinigte Lohnlücke. Berücksichtigt man diese Faktoren und bezieht sich auf gleiche Arbeit in gleicher Position, bleibt dennoch ein Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen von etwa sieben bis acht Prozent, die bereinigte Lohnlücke. Frauen verdienen also deutlich weniger.
(2)    www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VerdiensteArbeitskosten/VerdiensteVerdienstunterschiede/Tabellen/Wirtschaftszweige_GPG.html#Link%20zur%20Tabelle
(3)    http://antjeschrupp.com/2014/08/11/befordert-die-professionalisierung-von-care-das-gender-pay-gap/
(4)   www.esf-gleichstellung.de/fileadmin/data/Downloads/Aktuelles/kurzexpertise_gleichstellung-fuehrung.pdf |  Mehr dazu in der Expertise: Gleichstellung als Führungsaufgabe

Weitere Links:
www.gender.de/ | Genderbüro
www.care-macht-mehr.com