19.03.2015

GEW

„Den Schlüssel zu mehr Männern in diesem Berufsfeld sehe ich nicht in erster Linie in der Bezahlung.“

Foto: Frauke Gützkow.

Die Koordinationsstelle hat Frauke Gützkow, Leiterin des Arbeitsbereichs Frauenpolitik im Vorstand der GEW, zum Equal Pay Day und den anstehenden Tarifverhandlungen befragt.

Die GEW hat die Kampagne „ErzieherInnen verdienen mehr“ gestartet. Im nächsten Monat stehen die Tarifverhandlungen an. Was haben Erzieherinnen und Erzieher von den anstehenden Tarifverhandlungen zu erwarten?

Mitte Februar haben die Tarifverhandlungen für eine bessere Bezahlung im öffentlichen Dienst der Länder begonnen. Etwa zeitgleich wurden die Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern zur Entgeltordnung im Sozial- und Erziehungsdienst (TVöD-VKA SuE) begonnen. Die GEW begleitet diese Verhandlungen mit der Kampagne für die Aufwertung des Berufs.

Eine Entgeltordnung hat per se eine geschlechterpolitische Dimension, weil sie Berufsfelder beschreibt und die Einkommenshöhe festlegt. Sie legt auf Grundlage der Aufgaben der Beschäftigten deren Eingruppierung in eine bestimmte Entgeltgruppe fest. Dies entscheidet, welche Arbeit in Kita oder Sozialarbeit wie bezahlt wird.

Das sozialpädagogische Berufsfeld hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiter entwickelt, eine Überarbeitung der Tätigkeitsmerkmale ist überfällig. Neue Berufe, neue berufliche Qualifikationen, wie z.B. der Bachelor in Kindheitspädagogik, neue Berufsbilder und Arbeitsbereiche von der Fachberatung bis zur Schulsozialarbeit sind in der Entgeltordnung abzubilden und sie sind angemessen zu bezahlen.
Auch wer Leitungsfunktionen übernimmt, muss dafür bezahlt werden und nicht wie bisher ausschließlich nach der Zahl der regelmäßig belegbaren Kita-Plätze. Leitungsaufgaben erfordern große Sachkompetenz und Verantwortung und sind mit Personalverantwortung verbunden. Bei der Bewertung der Leitungstätigkeit sollen daher neben der Anzahl der Kita-Plätze auch die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berücksichtigt werden.

Und noch etwas steht bei den Verhandlungen für eine neue Entgeltordnung auf der Tagesordnung: Wer von einer Jugendhilfeeinrichtung zu einer anderen wechseln will, wird zurzeit bestraft und nicht gefördert.  Neue Arbeitgeber erkennen die vorher erworbene Berufserfahrung bei der Eingruppierung nicht ausreichend an, was zu deutlichen Gehaltseinbußen führen kann.

Ist der Gender Pay Gap auch für den Erzieher/innenberuf als weiblich konnotiertes Berufsfeld mit einem nur geringen Männeranteil relevant?

Gleiches Geld für gleichwertige Arbeit – diese gewerkschaftliche Forderung meint mehr als gleiches Geld am gleichen Arbeitsplatz. Sie meint auch gleiches Geld in weiblich und männlich konnotierten Berufsfeldern bei gleichwertiger Arbeit. Die Gleichwertigkeit hinsichtlich Verantwortung, fachlicher Anforderungen, psychischer und physischer Belastungen lässt sich durchaus arbeitswissenschaftlich vergleichen und für Tarifordnungen nutzbar machen.

Der Gender Pay Gap hängt nicht nur mit den geringeren Gehältern in frauendominierten Berufen und Branchen zusammen sondern auch mit der häufig unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung in Berufszweigen wie z.B. dem Gesundheits-/Sozialwesen, Erziehung/Unterricht, Einzelhandel. Viele Berufe und Branchen mit einem hohen Frauenanteil wurden für Zuverdienerinnen konzipiert. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen hängt eng mit ihrer gleichberechtigten Teilhabe am Erwerbsleben und mit der Bezahlung zusammen. Die Höhe des individuell erzielten Einkommens entscheidet darüber, ob Frauen aus eigener Kraft ihre Existenz sichern können – unabhängig von der Haushaltskonstellation, in der sie leben. Die Erwerbskonstellationen von Frauen und Männern in Partnerschaften ändern sich, weg von der (in Westdeutschland) traditionellen Ernährer- und Zuverdienst-Ehe hin zur Etablierung eines Modells, bei dem grundsätzlich beide ihren eigenen Beitrag zur Existenzsicherung leisten. Das Einkommen von Frauen ist heute längst unverzichtbarer Bestandteil für Familien geworden. Frauen sind Familienernährerinnen (ca. 23 Prozent), Mitverdienerinnen (ca. 52 Prozent) und Gleichverdienerinnen (ca. 25 Prozent). Die Tarifrunde zur Entgeltordnung im Sozial- und Erziehungsdienst muss also auch einen Beitrag dazu leisten, dass sich das Einkommen von Frauen und Männern annähern.

Wenn Sie einmal eine Prognose treffen: Wie wird sich der Erzieher/innen-Beruf in den nächsten zehn Jahren weiter entwickeln z.B.im Hinblick auf Männliche Fachkräfte in Kitas / die Zusammensetzung der Kita-Teams oder die Bezahlung oder die Ausbildungsform? Und welche Auswirkungen werden diese Entwicklungen auf die Geschlechtergerechtigkeit im Berufsfeld haben?

Wir führen dieses Interview ja anlässlich des Equal Pay Days. Die Höhe der Bezahlung sagt viel über die Wertschätzung eines Berufsfeldes aus. Es muss gelingen, den Beruf der Erzieherin, des Erziehers so attraktiv zu machen, dass er ein Zukunftsberuf bleibt. Dafür sind Bezahlung und Eingruppierung ein zentraler, aber nicht der einzige Punkt. Die Anforderungen in dem Beruf sind ständig gestiegen, aber die Rahmenbedingungen haben sich gerade anlässlich des rasanten Ausbaus der frühkindlichen Bildung und Betreuung nicht verbessert. Die GEW setzt sich für bundesweite, gesetzliche Standards für die Qualität von Bildung, Erziehung und Betreuung in Kindertageseinrichtungen ein. Die Fachkraft-Kind-Relation ist zu verbessern und die mittelbare pädagogische Arbeit anzuerkennen.

Auch im Arbeits- und Gesundheitsschutz liegt in den nächsten Jahren eine große Herausforderung, um das überdurchschnittlich hohe Erkrankungsrisiko zu senken und ein alters- und alternsgerechtes Arbeiten zu ermöglichen. Die Erzieherin mit Rollator gehört genauso zur Vielfalt, die wir uns in Kitas wünschen wie der männliche Erzieher oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Migrationshintergrund.

Den Schlüssel zu mehr Männern in diesem Berufsfeld sehe ich nicht in erster Linie in der Bezahlung. Berufsfelder, in denen es um die  Verantwortung für Menschen geht – wie in Erziehung, Gesundheit oder Bildung –  werden gesellschaftlich weniger wertgeschätzt als Verantwortung für Technik oder Geld. Dieses Ungleichgewicht resultiert aus Geschlechterstereotypien von gestern.

Eine Frage zur GEW-Kampagne „ErzieherInnen verdienen mehr“: In dem Videoclip zur Kampagne wird die Vielfältigkeit des anspruchsvollen Erzieher/innen-Berufs gezeigt und damit die Forderung nach mehr gesellschaftlicher und auch finanzieller Anerkennung unterstrichen. Zu sehen sind ausschließlich weiße, weibliche Erzieherinnen – was hat Sie dazu bewegt, Kitas quasi traditionell als weibliches und weißes Arbeitsfeld darzustellen? Auch wenn wir die Anerkennung der Leistung von Erzieherinnen (gerade angesichts der Forderung nach mehr Männern in Kitas) sehr wichtig finden, wäre es nicht wünschenswert gewesen, eine größere Diversität von Kita Teams abzubilden?

Vielen Dank für Ihre Nachfrage und die Möglichkeit, über die Entstehung des Clips und unsere Grundhaltung zu Diversity in der Kita zu informieren. Im Imagespot ging es uns nicht darum, Beschäftigte in Kitas als weiß und weiblich darzustellen. Wir wollten jedoch auf Schauspielerinnen und Schauspieler verzichten und mit echten Erzieherinnen und Erziehern aus unterschiedlichen Regionen arbeiten. Da hatten wir leider von vorn herein nur begrenzte Möglichkeiten beim Casting, weil bisher tatsächlich sehr wenig Männer und Fachkräfte mit Migrationshintergrund in dem Beruf arbeiten. Wir haben auch männliche Kollegen angefragt, am Ende hat es einfach nicht gepasst. Uns liegt viel daran, dass die Vielfalt der Gesellschaft sich nicht nur unter den Kita-Kindern sondern auch in der Zusammensetzung der Beschäftigten widerspiegelt. Deshalb gehört zu dem Spot auch eine 10-minütige Kita-Dokumentation. In ihr kommt auch ein Frankfurter Kollege zu Wort. Wir wünschen uns auch mehr Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund. Deren Anteil ist von 2008 bis 2012 von 8,2 auf 9,5 Prozent leicht gestiegen, wie aus der GEW-Sonderauswertung des Mikrozensus hervorgeht. Die Tendenz geht in die richtige Richtung.

Vielen Dank für dieses Interview!

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