19.03.2015

Michael Drogand-Strud

„Generell wünsche ich mir eine Aufwertung der Tätigkeiten von pädagogischem Fachpersonal in den Einrichtungen: höhere Qualifikation, angemessene Bezahlung, Freiräume für Supervision und Weiterbildung sind eine Grundlage für eine höhere Anerkennung dieser Arbeit für alle Geschlechter.“

Foto: Michael Drogand-Strud.

Expert/innenpool
In den nächsten Ausgaben unseres Newsletters werden wir Ihnen in loser Reihe verschiedene Personen vorstellen, die wir in einem Expert/innenpool für das Thema „Männer in Kitas“ auf unserer Homepage präsentieren werden.

Michael Drogand-Strud

  • Diplom Sozialwissenschaftler & Gestaltberater
  • Freiberuflicher Bildungsreferent für Geschlechtersensible Pädagogik,  Gender-Kompetenz, Jungen*arbeit (1) und Qualifizierung von Fachkräften, Projektbegleitung und –beratung


Gremientätigkeit:

  • Vorstand der BAG Jungenarbeit & der LAG Jungenarbeit NRW
  • Genderbeauftragter des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB)
  • Mitglied der Kommission Gender Mainstreaming und Chancengleichheit beim Landessportbund NRW

Kontakt:
Tel.:  0049 (0)571-9419545
drogand-strud(at)bag-jungenarbeit.de

Was finden Sie wichtig am Thema „Männer in Kitas“?

Grundsätzlich und zuerst finde ich es wichtig, dass das Modellprogramm „Männer in Kitas“ einen Fokus auf das Thema „Geschlechterfragen“ in die Kitas, Kindergärten, Horte und auch die Ausbildung der Fachkräfte legt. Dabei gilt es Wissen darüber zu vermitteln, dass Mädchen* und Jungen* oft unbewusst mit klassischen und stereotypen Geschlechterrollen versehen werden. Geschlecht und die Anforderung, sich als „richtiges Mädchen“ und „Junge“ zu verhalten, verlangen von den Erzieher_innen einen hohen Grad an Reflexion ihrer Wahrnehmung und Praxis, der Raumnutzung und der Spielmaterialien in den Einrichtungen sowie ihrer eigenen Person. Dies wird durch „Männer in Kitas“ zum Thema.

Selbstverständlich ist es auffällig, dass der Männeranteil in Kitas, wie auch in Grundschulen oder der Pflege, sehr niedrig ist. Dies hat verschiedene Ursachen. Für mich steht im Vordergrund, dass Kindererziehung immer noch weiblich gelabelt (2) ist, oft als „nicht so schwierig“ abgestempelt und hierarchisch niedrig eingeordnet wird. In einem gesellschaftlichen Ungleichheitsverhältnis bleibt es damit Frauenarbeit; männliche Arbeitskraft gilt dafür als „zu schade“,  Männer sollen sie eher besser bezahlte angeblich anspruchsvollere Tätigkeiten ausüben. Dieses Denken ist grundverkehrt, wird weder Kindern noch der Arbeit mit ihnen gerecht – und ist zugleich ein Stück Alltagsbewusstsein in einer heteronormativen (3) Sichtweise. Einem Mann in der Kita wird unterstellt, keine Familie ernähren zu können und möglicherweise sich „wehrlosen“ Kindern nähern zu wollen: der Generalverdacht ist eine Erfahrung, mit der beinahe alle Männer in der Kleinkinderziehung Erfahrungen machen mussten. Eine Möglichkeit, dem zu begegnen, ist die Schaffung von Arbeitskreisen für Erzieher, um Erfahrungen als Mann in diesem Berufsfeld auszutauschen.

Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung und Verstetigung des Themas? Was müsste getan werden?

Meine Wünsche beginnen mit einer Qualifizierung der Aus- und Fortbildung zur Gendersensibilität, dazu wünsche ich mir einen größeren Anteil von Reflexion und Selbstreflexion in der pädagogischen Arbeit, um unbewusste Zuschreibungen zu reduzieren.
Konkret befürworte ich die Einrichtung von Mentoring-Programmen für Praktikanten*, Freiwillige* und Berufsanfänger* in den Einrichtungen zur aktiven Begleitung des pädagogischen Nachwuchses.
Generell wünsche ich mir eine Aufwertung der Tätigkeiten von pädagogischem Fachpersonal in den Einrichtungen: höhere Qualifikation, angemessene Bezahlung, Freiräume für Supervision und Weiterbildung sind eine Grundlage für eine höhere Anerkennung dieser Arbeit für alle Geschlechter.

Was sind Ihre Arbeitsschwerpunkte?

Ich bin in u.a. in tätig in der Fortbildung und Teambegleitung zur:

  • Geschlechterbezogenen Pädagogik, Jungen*- und Mädchen*arbeit Cross-Work: Frauen in der Arbeit mit Jungen*
  • Gender-Kompetenz für die Ausbildung in Berufsbildenden Schulen (BBS)
  • Partizipation, Gender und Migration, Inklusive Bildung
  • Teamarbeit, Reflektion der pädagogischen Arbeit
  • Geschlechterfragen in Kita und Übergang zur Grundschule
  • Männerkreise, Mentoring für junge Männer in der Kita
  • Generalverdacht & Sexualpädagogische Schutzkonzepte

Aktuelles Projekt:

Vielen Dank für das Interview!

(1)    Die Schreibweise Jungen* verweist darauf, dass es auch Kinder gibt, die sich gar nicht als Junge verstehen, obgleich dies von anderen so angenommen wird. Zugleich gibt es auch Kinder, die sozial oder biologisch geschlechtlich uneindeutig sind, die wir aber als Junge* oder Mädchen* ansehen und ansprechen. Ähnliche Überlegungen stehen auch hinter der Schreibweise Erzieher_innen der Unterstrich verweist auf die verschiedenen Geschlechter, die eine ‚Erziehungsperson‘ haben oder leben kann und schreibt sie nicht auf Frau oder Mann fest.
(2)    Weiblich gelabelt bedeutet die Zuschreibung: „Kindererziehung und Pflege sind Frauensachen.“
(3)    Heteronormativ bedeutet die Annahme: es gibt genau zwei Geschlechter, die sich gegenseitig ausschließen – in dem Sinne: was männlich ist, kann nicht weiblich sein und umgekehrt. Daher brauchen sich auch beide Geschlechter gegenseitig: eins ist nie vollständig. Zugleich sind beide Geschlechter auch noch unterschiedlich ge- und bewertet (Bezahlung, Macht, Status, Gewaltausübung, Unterdrückung, Berufe, Tätigkeiten, Farben … alles ist zweigeschlechtlich „gelabelt“).