03.12.2015

Sexualpädagogisches Konzept in Kindereinrichtungen

Interview mit Michael Drogand-Strud

Foto: privat.

Michael Drogand-Strud arbeitet als freiberuflicher Referent für Geschlechtersensible Pädagogik, Gender-Kompetenz, Jungen*arbeit und Qualifizierung von Fachkräften. Zum sexualpädagogischen Konzept führt er Schulungen und Workshops unter anderem in Kitas mit Erzieher/innen durch. Wir haben ihn dazu befragt.

Warum ist die Arbeit an einem sexualpädagogische Konzept für das Projekt „Männer in Kitas“ von Bedeutung?

Ich sehe zwei wesentliche Gründe: Zum einen begegnen mir viele männliche Fachkräfte, die in der ein oder anderen Weise mit dem „Generalverdacht“ belegt wurden ohne dass es in den Einrichtungen ein sexualpädagogisches Konzept gäbe, auf dessen Basis klare Positionen und Verhaltensmaßstäbe diskutiert werden können.
Zum anderen ist durch dieses Thema deutlich geworden, dass in den Kitas sehr oft individuell höchst unterschiedliche und zum Teil widersprüchliche Auffassungen und Reaktionen etwa auf „Doktorspiele“ von Kindern bestehen, obgleich spätestens nach den Diskussionen um das Thema der „sexuellen Gewalt“ (damals noch ‚gegen sexuellen Missbrauch‘) in den 80er Jahren deutlich ist, dass es (a) klare Definitionen von Kinder- und Erwachsenensexualität braucht, (b) die sexuelle Bildung von Kindern Teil der Persönlichkeitsbildung ist und (c) es zur Entwicklung und dem Schutz der Kinder Erlaubnisse, Regeln und eine gemeinsame Basis im Team braucht.

Sexualität ist ja ein „heikles“ Thema – Was bedeutet denn Kindersexualität im Rahmen von Persönlichkeitsbildung?

Sexualität ist ein abstrakter Begriff, der nicht eindeutig gefüllt ist, d.h. Menschen definieren Sexualität sehr unterschiedlich. Sie ist eine grundlegende Erscheinungsweise des Lebens, die die gesamte Persönlichkeit betrifft und sowohl körperlich, wie emotional und auch kulturell und sozial bestimmt ist.
Kindersexualität bedeutet besonders das Erfahren von körperlichem Wohlgefühl und wird von den Kindern mit allen Sinnen erlebt. Kindern geht es darum, selbst schöne Gefühle zu erfahren. Das bedeutet: Kindersexualität ist nicht auf Andere gerichtet und kein Ausdruck einer zwischenmenschlicher Zuneigung, sondern im angemessenen Maße zutiefst egozentrisch! Das bedeutet auch, dass das Spielen mit den eigenen Genitalien ein völlig „normales“ altersangemessenes Verhalten von Kindern ist.
Sexualpädagogik in den ersten Lebensjahren bedeutet, Kindern diesen Entwicklungsraum  zu zugestehen und zugleich kulturelle Schamgrenzen zu vermitteln, also „geschützte Räume“ anzubieten und sie zugleich vor öffentlichen Blicken zu schützen.

„Doktorspiele“ richten sich aber auf andere. Welche pädagogischen Regeln braucht ein sexualpädagogisches Konzept dann?

Etwa im Alter 3 - 6 Jahre ist die Absicherung der eigenen Geschlechtlichkeit auch durch Vergleiche mit anderen Kindern ein wichtiges Entwicklungsthema. Sog. „Doktorspiele“ spiegeln daher nicht sexuelles Begehren im erwachsenen Sinne wider, sondern kindliche Neugier. Dabei entstehende Gefühle stärken das Körpergefühl.
Doktorspiele gehören somit zur normalen kindlichen Entwicklung. Es gilt, den Wunsch nach Intimität und Neugier der Kinder zu respektieren.

Selbstverständlich braucht ein sexualpädagogisches Konzept hier klare Regeln, die auch benannt werden müssen. Dies umfassen nach meinem Verständnis:

  • Kinder dürfen sich zurückziehen, um ihre Körper zu erforschen, solange gilt: Vorher, mittendrin und hinterher fühlen sich alle Beteiligten gut!!!
  • Wenn ein Kind sich unwohl fühlt und/ oder NEIN sagt, darf es jederzeit die Situation verlassen. Nein ist nein und gilt immer!
  • Es werden keine Gegenstände in Körperöffnungen eingeführt.
  • ‚Doktorspiele‘ finden nur unter Kindern mit einem gleichen Entwicklungsstand statt.

Teams müssen sich, unter Anleitung, mit diesem Thema auseinandersetzen und ihre eigene Sprache, Umgangsweise und Regeln finden. Das ermöglicht den Kindern Entwicklung und schützt sie. Zugleich gibt es Handlungssicherheit im Team und gegenüber Eltern. Schließlich ist ein sexualpädagogisches Konzept der beste Schutz gegen den Generalverdacht und vor Tätern, die eher Einrichtungen suchen, welche Kindersexualität tabuisieren.

Vielen Dank für das Interview!