Kinder vor (sexueller) Gewalt schützen

Ein Interview mit dem Autor des Schulungsreaders „Kinder vor (sexueller) Gewalt schützen“ des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln e.V., Prof. Dr. Michael Els.

Foto: Privat.

Zur Person

Prof. Dr. Michael Els lehrt an der Hochschule Niederrhein im Studiengang Sozialwesen. Forschungsschwerpunkte: Zivilrechtsfragen der Sozialen Arbeit, des Kulturmanagements und der frühen Kindheit, insbes. der Schutz des Kindeswohls.

Im Rahmen des Fortbildungsprogramms der Abteilung Tageseinrichtungen für Kinder des Diözesan-Caritasverbandes für das Erzbistum Köln e. V. bietet er seit einigen Jahren Zertifikatskurse zur „Fachkraft für Kinderschutz“ und seit 2012 auch Seminare zum Thema „Generalverdacht gegenüber männlichen pädagogischen Fachkräften“ im Rahmen des Gender-Fortbildungsprogramms des Projektes MAIK an.

Des Weiteren ist er seit 18 Jahren ehrenamtlich als Trägervertreter für jetzt neun katholische Kindertagesstätten in St. Augustin tätig.

Wann und wie kamen Sie das erste Mal mit dem Thema „Generalverdacht“ in Berührung?

Es gab zwei Situationen, durch die ich mit dem Problem „Generalverdacht“ persönlich konfrontiert wurde. Auf eine Stellenausschreibung des von mir vertretenen Trägers hatte sich ein qualifizierter, junger Erzieher beworben, den wir dann für die zweigruppige Kindertageseinrichtung auch eingestellt haben. Eine Mutter hat daraufhin ihre Tochter in der Einrichtung abgemeldet, obwohl das Kind nicht in der Gruppe betreut wurde, in der dieser Erzieher eingesetzt werden sollte.

Zudem werde ich in Fortbildungen zum Thema Kindeswohlgefährdung immer wieder damit konfrontiert, dass mir insbesondere Erzieherinnen offen ihre Sorge über falsche Verdächtigungen von Kollegen aber auch über Sonderauflagen für Erzieher berichten. Dies fängt beim Wickelverbot an, geht über das Verbot, Kindern beim An- und Ausziehen zu helfen, bis hin zum Verbot, mit Kindern allein auf dem Vorlesesofa zu sitzen.  

Warum halten Sie eine Auseinandersetzung mit diesem Thema für wichtig?

Wenn nach einer aktuellen Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend immerhin 40 % der Eltern der Aussage „Ich würde mein Kind in der Kita bedenkenlos einem männlichen Erzieher anvertrauen“ nicht vorbehaltlos zustimmen, heißt das doch, dass diese Eltern männlicher Fürsorglichkeit skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Eine solche Situation betrifft unmittelbar Erziehende und Eltern aber auch die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen.

Unbestritten ist fachliche Arbeit an dem Thema sexueller Gewalt und seine Verankerung in Teams, Abläufen, Konzeptionen, Elternarbeit etc. notwendig. Die Skandalisierung in der Öffentlichkeit verunsichert aber auch Eltern, Erziehende und droht das pädagogische Klima zu verändern. Mit der zum Teil „monströsen“ medialen Darstellung (sexueller) Gewalt - im gesamten Rheinland hat es in den letzten Jahren nur einen nachweislichen Übergriff durch einen Mitarbeitenden in einer Kita gegeben - entsteht die Angst, etwas falsch zu machen und die Gefahr, nur noch den Missbrauch zu sehen. Es besteht die Gefahr, das Kind selbst mit seiner Lebensfreude, seinen auch sinnlich-körperlichen Entwicklungsbedürfnissen aus dem Blick zu verlieren und es nur noch als „sexuell benutztes Opfer“ in einem inzestuösen Szenario zu sehen. 

Viele Eltern, insbesondere Väter und Erziehende vermeiden es mittlerweile:

  • Über Situationen körperlicher Nähe und Berührungen in der Familie zu reden
  • Körperliche Berührungen in frühpädagogischen Kontexten unbefangen zuzulassen
  • Einen positiven und unbefangenen Blick für kindliche Bedürfnisse nach Nähe, Schmusen, etc zu behalten.

Vor allem scheuen sich Männer zunehmend davor, in professionellen Kontexten pflegerische Aufgaben, wie Wickeln, zu übernehmen, oder haben Sorge, Körperkontakt, beispielsweise beim Vorlesen von Bilderbüchern, zuzulassen. Zum Teil wird es Ihnen mittlerweile auch durch Weisungen der Träger untersagt oder sie werden erst gar nicht mehr eingestellt.

Die Angst vor sexueller Gewalt und Grenzverletzungen tabuisiert die Bejahung kindlicher körperlicher Lebensfreude und den körperlichen Kontakt, die körperliche Berührung als Bestandteil pädagogischer Arbeit. Das Pendel droht unreflektiert in Richtung grundsätzlicher Berührungsvermeidung auszuschlagen.
Sie werden am 02. Juli 2013 auf der Fachtagung des Projektes MAIK – Männer arbeiten in Kitas ein Forum zum Thema Generalverdacht leiten. Dabei haben Sie das Forum mit der Liedzeile „Männer sind Schweine“ (Song der Ärzte) übertitelt.

Drückt diese Liedzeile ein Männer-Bild aus, das in unserer Gesellschaft verankert ist?

Die Sexualwissenschaft geht von einer unsere Gesellschaft unterschwellig durchziehende „Verdächtigung“ der männlichen Sexualität als eines primär triebgesteuerten Begehrens aus. Das mitunter auch als „Dampfkesselmodell“ bezeichnete Bild männlichen sexuellen Begehrens entstand im 18. Jahrhundert und wurde von Sigmund Freud theoretisch ausdifferenziert. Die Angst vor dem kaum, jedenfalls nur schwer kontrollierbaren Triebgeschehen begleitet uns bis heute und findet seinen Niederschlag in Gefahrendiskursen, Medienkampagnen und öffentlichen Diskussionen. Sie reicht bis in den beruflichen Alltag hinein, mit sehr verletzenden Folgen für die betroffenen Männer.

So erzählt Ralf Bönt in seinem Buch „Das entehrte Geschlecht“ (München 2012, S. 5) wie ein befreundeter Vater völlig überraschend auf einem Spielplatz polizeilich überprüft wurde. Dieser hatte nach der Arbeit seine vierjährige Tochter aus dem Kindergarten abgeholt und auf dem Heimweg mit ihr einen Abstecher auf einen Spielplatz gemacht. Er musste ihr dort zweimal die beim Spielen im Sand verrutschte Wollstrumpfhose richten, wozu er ihr kurz unter den Rock griff. Diese Situation beobachteten einige Mütter und riefen daraufhin empört die Polizei. Der Freund von Ralf Bönt musste sich „als Vater ausweisen.“

Das Lied der Ärzte will diesem diffusen gesellschaftlichen Unbehagen an männlicher Sexualität, das von vereinzelten Radikalfeministinnen dann unsäglich auf die Spitze getrieben wurde, einen satirischen Spiegel vorhalten. Das Lied ist in seinen Aussagen daher expressiv überzogen. Aber das Anliegen ist richtig. Dieses diffuse Unbehagen an männlicher Sexualität muss reflektiert und die brüchigen Facetten des Männerbilds in unserer heutigen Gesellschaft, in Werbung, Film, Fernsehen, Literatur, etc. müssen reflektiert werden.

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Seminaren zu diesem Thema gesammelt? Ist der Generalverdacht ein Thema für die männlichen Fachkräfte?

Der diffuse Generalverdacht, Männer seien potenzielle Täter, macht es männlichen Erziehern im praktischen Alltag nicht immer leicht. Die Gefahr fälschlich verdächtigt zu werden, lastet mitunter wie ein Albtraum auf ihnen. Hier reicht es nicht aus, dass nur der einzelne Erzieher für sich kritische Situationen vermeidet.

Erzieher brauchen die Möglichkeit, sich über ihre Rolle als Mann in dem weiblich geprägten Kita-Alltag, über Nähe und Distanz, Fachlichkeit, Jungen- und Männerbild, Männerwitze, Gendertheorien, Prävention etc. auszutauschen.   
Erzieher wollen als Männer, wollen in ihrer persönlichen Vielfalt gesehen, wollen nicht auf ein Männerklischee festgelegt werden, sei es als Hausmeister, als „Hahn im Korb“ oder als „Tarzan“.  Männer müssen in ihrer Individualität und ihren persönlichen Eigenarten respektiert werden, egal ob sie gern einen Waldtag organisieren oder sich für Bücher begeistern, mit richtigem Werkzeug handwerklich arbeiten oder malen oder, ob sie anders, z.B. gelassener, an die Dinge heran oder sensibel mit Situationen umgehen. Vor allem wollen Erzieher sich nicht in eine Sonderrolle abschieben lassen.

Von Erziehern und Erzieherinnen werden hier meist drei Fragen gestellt: Wie kann ich Zuwendung zum Kind und notwendige Abgrenzung ausbalancieren? – Was sind kritische Situationen? - Wie können die Einrichtung und ich mich selbst schützen? Denn auch die Erzieherinnen sind sich in Kindertageseinrichtungen durchweg darüber im Klaren, dass ihre männlichen Kollegen unter einem besonderen Druck stehen. Sie merken deren Vorsicht, sie wissen um die Gefahren, die Missverständnisse und Unvorsichtigkeiten auslösen können. Viele Erzieher/innen kennen Kolleg/innen, deren Ruf durch falsche Verdächtigungen nachhaltig zerstört worden ist. Daher stehen Fragen, was ein sexueller Missbrauch eigentlich ist, was man präventiv tun kann, wie man mit körperlichen Kontakten pädagogisch umgehen kann etc. immer auf der Tagesordnung.
Einig sind sich Erzieherinnen wie Erzieher, dass die Thematik auf allen Ebenen - der persönlichen, der des Teams und der der Einrichtung - offen angegangen werden muss. Das Thema muss mit den Eltern transparent besprochen und im Konsens angegangen werden. Es muss eine Teamlinie gefunden und die eigene Haltung definiert werden. Hierbei ist es wichtig Grenzen zu setzen und verfängliche Situationen rechtzeitig zu erkennen, etc.

Was können Kita-Teams/ Träger leisten, um männliche pädagogische Fachkräfte vor dem Generalverdacht zu schützen?

Männer als Erzieher in Kindertageseinrichtungen sind immer noch äußerst selten. Gemischte Teams sind jedoch ideal zur Betreuung von Jungen und Mädchen. Kinder, insbesondere Jungen, brauchen männliche Identifikationsfiguren. Auch manche Einseitigkeit der pädagogischen Arbeit dürfte sich durch geschlechtsgemischte Teams relativieren.
Dafür aber muss den Männern die Möglichkeit gegeben werden, ihren Beruf ohne einschränkende Sonderauflagen professionell und in all seinen Facetten auszuüben. Dies schließt auch den für Kinder notwendigen und von ihnen auch eingeforderten bzw. initiierten Körperkontakt ein.

Unumgänglich ist hierfür, dass Träger und Team eine gemeinsame Haltung zum Thema Generalverdacht und zum Thema Nähe-Distanz in der pädagogischen Arbeit entwickeln, denn die Männer dürfen mit diesem diffusen Verdacht nicht alleine gelassen werden. Vielmehr müssen die zu entwickelnden Grundsätze von allen beteiligten Akteuren in und um die Kindertagesstätte herum mitgetragen werden. Hier sind eine offene Kommunikations- und Kritik-Kultur im Team und einschlägige Fortbildungen erforderlich.

Dabei rate ich nachdrücklich, einen offenen Dialog mit den Eltern über den Generalverdacht und insbesondere über die pädagogischen Grundsätze der Kindertagesstätte zum Thema Nähe-Distanz unabhängig vom Geschlecht der Mitarbeitenden zu führen. Kindertagesstätte und Träger müssen dabei deutlich machen, dass Körperkontakt nicht nur pädagogisch sinnvoll ist, sondern auch erwartet wird. Eventuelle Ängste bzw. Befürchtungen seitens der Eltern sind grundsätzlich ernst zu nehmen und im Gespräch zu bearbeiten und abzubauen. Hierzu gehört sicher auch ein transparentes und verbindliches Beschwerdemanagement für Verdachtsfälle.

Die Thematik muss also auf der persönlichen Ebene, der des Teams und der der Einrichtung offen angegangen werden. Das Thema muss mit den Eltern transparent besprochen und im Konsens getragen werden.

Wir danken Ihnen für diesen umfassenden Einblick und wünschen Ihnen für die Umsetzung Ihrer Projekte und Ideen weiterhin viel Erfolg!

(Das Interview führte Pablo Andreae vom ESF-Modellprojekt „MAIK“ des Diözesan-Caritasverbands für das Erzbistum Köln e.V..)

Hinweis des Herausgebers: Die Inhalte der Interviews spiegeln nicht immer die genauen Standpunkte der Koordinationsstelle wider.

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